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Auf Tournee

Neues in Ubuntu 9.04

Im Rahmen seiner halbjährlichen Updates bringt Ubuntu die eigene Distribution Schritt für Schritt nach vorn. Auch in Jaunty Jackalope stecken wieder eine Reihe sichtbarer und unsichtbarer Innovationen.

Was beim neuen Ubuntu zuerst ins Auge sticht, ist sicher das neue Look & Feel. Im Juli 2008 verkündete Shuttleworth auf der Linux-Konferenz OSCON, man wolle Ubuntu in den nächsten zwei Jahren in ein Kunstwerk verwandeln. Ein sicher lohnenswertes, wenn auch recht hoch gestecktes Ziel, das nun erste Früchte trägt. So begleitet den Anwender beim Starten ein komplett überholter Bootsplash. Der Anmelde-Manager, von dem aus Sie sich mit Ihrem Passwort auf dem Gnome-Desktop anmelden, bringt ein hübsches Hintergrundbild mit (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: In den nächsten zwei Jahren soll aus Ubuntu ein Kunstwerk werden, kündigte Mark Shuttleworth im Juli 2008 an. Erste Anzeichen sind schon da.

In seinem Blog weist Shuttleworth aber insbesondere auf das neu integrierte Nachrichtensystem hin: Meldungen über Veränderungen an der Lautstärke, neue E-Mails, dem Zustandekommen einer Internetverbindung erscheinen nun oben rechts – unterhalb des Lautsprechersymbols – und zwar in ansehnlicherer Form als früher (Abbildung 2).

Abbildung 2

Abbildung 2: Besonders fällt in Ubuntu 9.04 das neue Benachrichtigungssystem auf, das Sie dezent über neue Ereignisse informiert.

Der Schieberegler für die Lautstärke, den Sie nach wie vor per Mausklick aufrufen, erscheint nun nicht mehr vertikal, Sie schieben ihn vielmehr horizontal nach links und rechts. Nicht zuletzt passen sich die Schriftausgaben nun besser an die jeweiligen Monitor-Einstellungen an, was für schönere Schriften sorgt. Tauchen die Fonts jedoch fälschlich in extremer Größe auf, hilft die hier beschriebene Lösung [1] weiter. Sie entstehen, weil der Monitor seine Auflösung falsch angibt. Mit dem recht schlichten neuen Hintergrundbild wirkt der Desktop auch insgesamt etwas hübscher, als in der Version 8.10 – vom Look & Feel eines Mac OS X ist Ubuntu aber noch ein Stück weit entfernt.

Was bringt der neue Kernel

Zwar essen die Augen mit, die meisten Anwender dürfte allerdings vor allem interessieren, was sich unter der Haube getan hat. Dabei fällt der Blick meist zuerst auf die neue Version des Linux-Kernels, der nicht nur die Treiber für zahlreiche Geräte (wie Ethernet- und WLAN-Karten, Dateisysteme oder Webcams) mitbringt, sondern auch hinter den Kulissen die Fäden zieht. Im populären Sprachgebrauch reden die Menschen zwar gern von Linux und meinen damit aber tatsächlich die gesamte Distribution. Dabei besteht Linux tatsächlich nur aus dem Kernel. An diesem Herzstück der Distribution arbeiten noch immer der Linux-Erfinder Linus Torvalds höchstselbst mitsamt hunderten von Helfern weltweit.

Die Entwickler der Distributionen versammeln dann Anwendungen, die mit dem Kernel kooperieren. Diese existieren aber meist unabhängig von Linux (und laufen zum Teil auch auf Windows und Mac OS X). Die Entwickler der Ubuntu-Distribution erweitern den Kernel also um zahlreiche Anwendungen, grafische Oberflächen und die bekannten Programme, die den Kernel für den Endanwender überhaupt benutzbar machen. Sie schnüren das Ganze zu einem installierbaren Paket, dass sie dann per DVD verschicken oder als ISO-Dateien unter die Anwender bringen.

Beim Kernel haben die Ubuntu-Entwickler eher konservativ auf die Version 2.6.28 gesetzt. Der Umstieg auf die aktuelle Version 2.6.29 erschien ihnen vermutlich zeitlich zu gewagt. Allerdings bringt der Ubuntu-Kernel Änderungen mit, die nicht im Original-Kernel 2.6.28 (dem so genannten Vanilla Kernel, an dem die Entwickler um Linus Torvalds arbeiten) stecken. Vermissen Sie dennoch Treiber, der Ihrer Hardware auf die Sprünge helfen könnte, besteht die Möglichkeit, über ein externes Repository [2] eine aktuelle Kernel-Version einzuspielen. Wie Sie die dort angebotenen Ubuntu-Pakete installieren, beschreibt der Artikel zum Thema Paketmanagement in dieser Ausgabe. Aber Vorsicht: Wenn Sie einen neuen Kernel einspielen, gehen Sie ein Risiko ein – wichtige Daten sollten Sie also vorher sichern.

Auch der Kernel 2.6.28 hat einige interessante Neuerungen auf Lager. Als prominent gilt die Unterstützung des neuen Dateisystems Ext 4, welches das bisherige Dateisystem Ext 3 beerbt. Ext 4 steht beim Partitionieren zur Auswahl. In der Testphase von Ubuntu gab es Streit um eine verzögerte Schreiboption von Ext 4, die bei einigen Anwendern für Dateien von 0 KByte sorgte. Die Ubuntu-Entwickler haben jedoch mittlerweile ein Patch in den Ubuntu-Kernel integriert, der das Problem behebt. In den Vanilla-Kernel finden diese Patches allerdings erst ab Version 2.6.30 Einzug.

Um nur den auffälligsten Vorteil von Ext 4 zu nennen: Das Dateisystem werkelt deutlich schneller. Daneben kann es mit mehr Dateien umgehen, ist abwärtskompatibel zu Ext 3 und sogar zu Ext 2. Eine Datei darf zudem so groß sein wie das gesamte Dateisystem, Partitionen und Volumes dürfen auf 1 ExaByte wachsen, was einer Million TeraByte entspricht.

Wer nun allerdings seine alten Ext-2- und Ext-3-Dateisysteme auf Ext 4 updaten will, muss auch den Bootmanager Grub über das Kommando "grub-install" auffrischen, damit dieser den Kernel korrekt erkennt. Zudem sollten Sie bedenken, dass sich Ext-4-Partitionen nicht in Umgebungen mit älteren Kernel-Versionen (vor 2.6.28) mounten lassen.

Die in den neuen Kernel integrierten Audio-Treiber beherrschen "Jack Sensing", erkennen also eingesteckte Mikrofone und Lautsprecher automatisch. Zahlreiche Änderungen am Code verbessern zudem den Umgang von Linux mit DVB-Hardware, Webcams und zahlreichen weiteren Geräten.

Von einigen der Änderungen im Kernel 2.6.28, der im Dezember 2008 erschien, bekommen Sie indes recht wenig mit. So führten die Entwickler einen neuen, von Intel entwickelten Memory Manager ein, der die Basis für einen runderneuerten Grafik-Stack bilden soll. Ein Fastboot-Patch, mit dessen Hilfe der Entwickler Arjan van de Ven einer anderen Linux-Distribution eine Bootzeit von fünf Sekunden bescherte, ist ebenso an Bord – allerdings aufgrund von Stabilitäts- und Kompatibilitätsproblemen noch deaktiviert.

Don't Zap the X.org

Das X-Window-System des X.org-Projekts bildet unter Linux nach wie vor die Grundlage, um grafische Oberflächen zu erzeugen. Dabei greifen ein oder mehrere X-Clients lokal oder über das Netzwerk auf den X-Server zu. Der zeichnet die Fenster und ihre Bewegungen auf den Bildschirm, verarbeitet die Mausbewegungen und Tastatureingaben der X-Clients und bindet die Treiber für die Grafikkarte ein. Einiges der Einstellungen konfigurieren Sie über die Datei /etc/X11/xorg.conf (Abbildung 3).

Abbildung 3

Abbildung 3: Die Konfigurationsdatei des X-Window-Systems müssen Sie bei speziellen Wünschen manuell anpassen. In der Regel bekommen Sie die Datei nie zu Gesicht.

Der neue X.org-Server in Version 1.6, auf den Ubuntu 9.04 setzt, behebt einige Probleme mit der vorherigen Version 1.5 und hat unter anderem XRandr 1.3 an Bord, das sich um die automatische und dynamische Anpassung der Bildschirmauflösung kümmert. Zudem setzt X.org 1.6 DRI (Direct Rendering Infrastructure) ein, um Anwendungen den direkten Zugriff auf Grafik-Hardware zu ermöglichen, was die Darstellung von 3D-Inhalten beschleunigt. Dank der ebenfalls integrierten Predictable Pointer Acceleration kann Ubuntu nicht zuletzt die Bewegungen des Mauszeigers genauer darstellen.

Die neue Version bringt aber auch Probleme mit. Wollen Sie etwa 3D-Games spielen (Abbildung 4) oder die beliebten Desktop-Effekte nutzen (die wabbelnden und transparenten Fenster haben Sie womöglich schon einmal gesehen) , brauchen Sie eine aktivierte 3D-Beschleunigung. Diese stellen die – größtenteils proprietären – Treiber für Ihre Grafikkarten bereit. Für X.org 1.6 mussten ATI und Nvidia – die beiden größten Hersteller von Grafikkarten – ihre proprietären Linux-Treiber (fglrx und nvidia) wieder an die neue X.org-Version anpassen, was bisher nur mäßig gut gelang. Bei neueren Grafikkarten gibt es zum Redaktionsschluss noch Darstellungsprobleme, ältere Grafikkarten arbeiten voraussichtlich nur noch mit freien Treibern zusammen und bringen daher keinen oder nur einen eingeschränkten 3D-Support mit. Genaueres über den aktuellen Stand der 3D-Unterstützung verrät ein weiterer Artikel in dieser Ausgabe.

Abbildung 4

Abbildung 4: Zahlreiche Spiele und die aufwändigen Desktop-Effekte funktionieren in Ubuntu 9.04 nur mit dem richtigen 3D-Treiber für Ihre Grafikkarte.

Langjährigen Ubuntu-Anwendern dürfte insbesondere die "Don't-Zap"-Option auffallen. War es früher möglich, den Desktop über [Strg]+[Alt]+[Backspace] zu verlassen, um wieder beim Anmeldefenster für Gnome zu landen, fällt diese Möglichkeit nun weg. Das dürften einige Nutzer als Einschränkung empfinden. Der Vorteil soll aber darin bestehen, dass die dem Kernel bereits länger bekannte Tastenkombination [Alt]+[Druck]+[K] den Job übernimmt. Sie verschafft auch hartnäckig schlafenden Desktops einen Neustart – Sie müssen sie sich allerdings merken.

Um die Tastenkombination zu reaktivieren, stellen Sie den alten Zustand über die Konfigurationsdatei /etc/X11/xorg.conf wieder her (Abbildung 3). Drücken Sie dazu [Alt]+[F2] und geben Sie gksu gedit ein, um einen Editor mit administrativen Rechten aufzurufen. Öffnen Sie die Datei und ergänzen Sie am Ende die Zeilen aus Listing 1. Nach einem Neustart von Ubuntu sollte das Kürzel wie gewohnt funktionieren.

Listing 1

xorg.conf

Section "ServerFlags"
       Option "DontZap" "False"
EndSection
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