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Stück für Stück

Interview mit dem Ubuntu-Schöpfer Mark Shuttleworth

Der Ubuntu-Gründer und Mäzen Mark Shuttleworth reflektiert über die Geschichte des Projekts und über den Weg, der noch vor Ubuntu liegt.

UU: Viele Leser wissen bereits einiges über Ihren geschäftlichen Werdegang – Sie haben ein eigenes Geschäft gestartet, einige Impulse in der Dotcom-Ära bekommen, und sind mit ein paar Investmentideen hervorgetreten. Was ist mit Ihrem Linux-Hintergrund? Wie ich höre, arbeiteten Sie in den frühen 90-ern für das Debian-Projekt. Ist das richtig?

MS: Ja, meine erste geschäftliche Tätigkeit war auf dem Gebiet der Kryptographie und Sicherheit, und zwar der Verkauf von digitalen Zertifikaten. Um das aufzubauen, brauchten wir zuerst eine Webinfrastruktur und eine kryptographische Infrastruktur. Linux war die natürliche Wahl dafür. Ich sah mich um, und zu der Zeit schien das Debian-Projekt, die Gemeinschaft und Open-Source als Entwicklungsverfahren, am besten dafür geeignet zu sein. Aber es gab keine Debian-Pakete für einige der wichtigsten Dinge, die wir benötigten. Also schloss ich mich Debian an und verwaltete den Apache-Webserver für eine Weile.

UU: Haben Sie damals auch programmiert?

MS: Na klar, obwohl ich immer schon eher ein Integrator und Aggregator war. Ich bin mehr daran interessiert, wie alle Teile zueinander passen, als an einem einzelnen technologischen Detail.

UU: Was hat Sie zuerst für Linux begeistert? Wie ich sehe, waren es in diesem Fall die Anforderungen der Arbeit, die Ihrem Unternehmen entsprachen. Aber Sie hatten bestimmt auch schon früher einige Erfahrungen damit gemacht.

MS: Der wichtigste Vorteil an einer freien Software gegenüber proprietärer Software besteht darin, dass man mit ihrer Hilfe viel einfacher solche Sachen zusammenbauen kann, die keiner je zuvor sich hätte vorstellen können. Denn man hat Zugang zu dem zugrunde liegenden Code. Für mich geht es in erster Linie nicht so sehr darum, einen bestimmten Teil zu verbessern, sondern viel mehr um die Möglichkeit, die Teile auf völlig neue und unerwartete Weise zusammenzusetzen. Das ist wirklich eine interessante Arbeit. Und ich glaube, das ist der Grund, wieso freie Software immer mehr Menschen begeistert, die eine Vision für neue Arten von Informationstechnologie hegen. In den letzten 10 Jahren – vielleicht sogar in den letzten 15 Jahren – hat es sich eindeutig erwiesen, dass die meisten wirklich interessanten technologischen Innovationen auf der Basis von freier Software entworfen, entwickelt und verwirklicht wurden. Ganz Google entstand auf freier Software. Man könnte kein Google mit Windows entwickeln. E-Bay, Yahoo, Amazon: alle Neuerungen und erfolgreichen Marken und Unternehmen mit signalwirkender Technologie, die in der letzten Zeit entstanden, wurden hauptsächlich auf freier Software entwickelt.

Es geht hier vor allem darum, dass man die Freiheit besitzt, bereits vorhandene Teile neu zu gestalten und einzusetzen, um dadurch grundlegend neue Ideen zu verwirklichen, und nicht unbedingt um die Weiterentwicklung von einzelnen Bestandteilen. Das ist es, was ich wirklich mag. Ich wollte etwas schaffen, das bisher noch nicht existierte, und es waren einzelne Teilstücke vorhanden, die zwar für andere Zwecke entwickelt wurden, aber ich konnte diese umgestalten und auf eine neue Weise zusammenfügen. Das ist gerade einer der vielen Vorteile freier Software: man kann sie auf eine Art und Weise verwenden, die die Vorstellungskraft der Menschen weit überschreitet, von denen diese Teile eigentlich stammen.

UU: Können Sie mir mehr darüber erzählen, wie das Konzept von Ubuntu und Canonical zusammentrafen. Wann sind Sie auf die Idee gekommen, Ihr eigenes Linux zu starten?

MS: Nun, zunächst hatte ich ein Gespür dafür, dass sich die Wirtschaft der Softwareindustrie in Bewegung befindet. Sie bewegt sich weg von den Lizenzen in Richtung Dienstleistungen. Dadurch wird es erst recht interessant, mit freier Software zu arbeiten, da freie Software nie einen Hintergrund kommerzieller Lizenzierung hatte. Es gibt also nachhaltige Ökosysteme rund um freie Software, die nicht von der Lizenzierung abhängen. Es ist natürlich eine optimale Voraussetzung, wenn man am wirtschaftlichen Wandel des Software-Ökosystems interessiert ist: Freie Software entspricht quasi von Haus aus den neuen Anforderungen.

Dann wollte ich etwas zu tun, das weltweite Bedeutung haben könnte und mir die Gelegenheit gab, mich jeden Tag mit zukunftsweisender Technologie zu beschäftigen. Freie Software ermöglicht einen wirtschaftlichen Wandel, einen technologischen Wandel und einen sozialen Wandel. Und das alles in Einem.

UU: Ich erinnere mich noch daran, dass gerade zu der Zeit, als Ubuntu erschien, sich auch andere Gruppen mit einem Desktop-Linux versuchten. Zum Beispiel Lindows, das sich später zu Linspire umbenannte, Xandros und ein paar andere. Diese waren alle mit einem Preisschild versehen. Es war zwar ein günstiger Preis um 39,95 Dollar herum, aber diese Firmen hatten dennoch eine gewisse Erwartung auf Einnahmen. Dann erschien Ubuntu, das ebenfalls ein System mit Mehrwert war – vermutlich auf einem Geschäftsmodell beruhend – vollkommen kostenlos. Statt eines Preisschilds brachte es ein Manifest mit. Dies schien ein sehr gewagter Schritt zu sein. Ich verstehe, wieso es innerhalb der Linux-Community sinnvoll sein konnte, aber was sagten Ihre Investorenfreunde dazu?

MS: Sicher denkt man immer auch an die riskante Seite einer Investition. Man richtet quasi automatisch ein Auge auf Sachen, die unsicher sind. Auf dem Betriebssystemmarkt braucht es zudem lange Zeit, Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu schaffen. Etwas kleineres weniger wichtiges lässt sich sehr schnell etablieren. Aber so etwas wie ein Betriebssystem braucht sehr lange Zeit. Deshalb mussten wir ein Stück weiter in die Zukunft schauen, damit wir uns nicht unwohl fühlten. Und je weiter man in die Zukunft sieht, umso verrückter wird man. Aber ich war mir sicher, dass der Preis für Betriebssysteme irgendwann die Null erreichen wird – wir uns also in einem Wettlauf zum Nullpreis befanden. War es da nicht einfacher, gleich dort anzufangen, und diesen Preis als Basis einzusetzen?

Sehr interessant ist auch, welche aggressiven Maßnahmen Microsoft trifft, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Selbst auf dem Windows-Markt. Denn der Preis für Windows wird dadurch ebenfalls erheblich beeinträchtigt.

UU: Würden Sie Ubuntu eher als einen generellen Plan beschreiben, der sich langsam entfaltet, oder als ein Schiff, das durch tückische Gewässer kreuzt, und immer einen Kurs steuert, der gerade geht?

MS: Es gibt ein Commitment, dass wir dorthin fahren, wo es unserer Meinung nach sehr interessant ist. Wir sind auf einem Schiff und fahren – sagen wir mal – zum Bering Meer. Vor uns ist noch niemand da gewesen. Selbstverständlich kann es jederzeit vorkommen, dass etwas auftaucht, womit wir einfach nicht rechnen konnten. Die Ankündigung von Chrome OS [durch Google] war zum Beispiel etwas aufregendes. So etwas kann man nie voraussehen. Nun müssen wir darüber nachdenken, wie wir darauf reagieren. Es gab eine Menge neuer Initiativen, die unseren Kurs wirklich veränderten: Intels Moblin-Initiative zum Beispiel. Während wir also fest davon überzeugt sind, dass wir uns in Richtung einer nachhaltigen Plattform bewegen, die für jedermann frei und global erhältlich und ein Community-Projekt ist, kann ich nicht alles voraussagen, was uns auf dem Weg dorthin noch begegnen wird.

UU: Können Sie in einem oder zwei Sätzen schildern, wo Sie hin kommen möchten? Wie würden Sie diese Vision beschreiben?

MS: Wir möchten ein Teil einer globalen Gemeinschaft sein, die eine freie Software-Plattform errichtet, die – egal ob Server oder Mobiltelefon – vollkommen kostenlos erhältlich ist und komplett auf freier Software beruht: ein nachhaltiges Ökosystem für uns selbst, für unsere Partner, und für viele andere Organisationen.

UU: Kommen wir nun zum Kursziel. Ich weiß, Sie haben ein Serverprodukt. Der Fokus scheint aber eher auf den Desktop, also die grafische Benutzeroberfläche gerichtet zu sein, zumindest war das bislang das Image von Canonical. Nun sehe ich dieses flauschige Maskottchen [Karmic Koala, Anm. der Redaktion], das am Eukalyptus nagt und "mit seinem Kopf in den Wolken" lebt, wie Sie in Ihrem Blog schreiben. Nun kommt auch auch Cloud Computing immer mehr. Und das nicht nur als etwas, woran Sie gerade arbeiten, sondern als etwas, das wahrscheinlich viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Könnten Sie ein bisschen mehr darüber erzählen, was Sie erwarten und wie es zu Ubuntu passt?

MS: Unser Grundsatz ist, die besten Stücke von freier Software herauszudestillieren und zu einem sehr leicht zugänglichen Produkt – mit einer einfach zu bedienenden Oberfläche und einem für alle akzeptablen Aussehen – zu verarbeiten, also eine bestimmte Sache sehr gut zu machen. Auf dem Desktop mussten wir dazu sehr viele Entscheidungen treffen: Wir verkleinerten es, bis es auf eine einzige CD passte. Wir konzentrierten uns sehr stark auf die Dinge, die freie Software wirklich gut kann. Wir nahmen die beste aus jeder Anwendung. So liefern wir ein einzigartiges, sehr brauchbares, auf einfache Nutzung fokussiertes Erlebnis.

Lassen wir die gleichen Grundsätze für den Server gelten, dann landen wir an einem etwas anderen Platz. Die Zielgruppe ist jetzt nicht mehr meine Oma, die Zielgruppe ist der Systemadministrator. Und was bekommt der Systemadministrator, wenn wir sagen, wir wollen die besten Komponenten herausdestillieren, und sie wirklich leicht zugänglich machen? Die gute Nachricht für uns ist, dass unsere Erbschaft von Debian genau das mitbringt. Debian ist eine höchst modulare, serverorientierte Linux-Plattform, die auf umfangreiche Installationen optimiert ist und kein fettes Zeugs mit grafischer Oberfläche auf jedem Server benötigt – die Teile werde unter strengster Beachtung der Qualität jeder einzelnen Komponente zusammengefügt.

Wenn wir nun Cloud Computing betrachten, dann ist es genau das, was wir wollen. Wir möchten etwas hochgradig Modulares, um exakt die Teile zu haben, die wir in der Wolke brauchen. Wir möchten etwas, das gut skaliert und das regelmäßig neue Versionen auf dem aktuellsten Stand der Technik veröffentlicht. Denn jeder, der versucht etwas in der Cloud zu errichten, befindet sich quasi von Haus aus technologisch an der Spitze. Also man will das. Wir bringen all diese Sachen zusammen, und aufgrund unserer Erbschaft von Debian sind wir in der Lage, ein Ubuntu-Serverprodukt zu liefern, das wirklich für die Cloud geschaffen ist. Es adressiert ein vollkommen anderes Publikum. Hier sind eher die Systemadministratoren anwesend, und nicht meine Oma oder mein Cousin. Aber die Grundsätze sind immer noch sehr ähnlich. Aus meiner Sicht macht es für uns wirklich Sinn, eine Server-Plattform für großvolumige und hochwertige Informationstechnologien unter dem gleichen Markennamen zu liefern, wie ein benutzerorientiertes Desktopsystem.

UU:Wie steht es um's Thema Virtualisierung? Ich weiß, dass der größte Teil davon in jedem Kernel steckt, somit für alle verfügbar ist, aber viele Distributionen stellen die Virtualisierung weit markanter in den Mittelpunkt, zumindest bei der Selbstvorstellung. So wie ich das sehe, kommt da bei Ubuntu weniger rüber. Und vielleicht entspricht ja der ganze Rummel um die Cloud nur dem, was einige der anderen Distributionen mit ihrer Werbetrommel für die Virtualisierung verkündigen.

MS: Auf der untersten Ebene, die Frage nach dem zugrunde liegenden Hypervisor, herrscht eine immer einheitlichere Entscheidung für KVM (Kernelbasierte Virtuelle Maschine). Ubuntu war die erste Distribution, die KVM wählte und es zur primären Virtualisierungsinfrastruktur machte. Einige der anderen Distributionen setzten anfangs stärker auf Xen. Auf der untersten Ebene gehen wir also mit Sicherheit in die Richtung, dass alles auf KVM virtualisiert wird. Und das ist wirklich von Vorteil, denn es nützt die Stärken von Hardware, die heutzutage auf dem Markt sind. Praktisch alle neuen Rechner unterstützen Virtualisierung.

Auf der untersten Ebene, haben wir also das gleich wie die anderen auch, das ist offensichtlich. Was nun die Anwendungsmöglichkeiten von Virtualisierung betrifft, sind wir viel mehr am EC2-Ansatz [von Amazon] interessiert. Man kann nicht einfach eine vorhandene Maschine nehmen und nun plötzlich auf EC2 bringen. Wenn man aber die Arbeit leistet und für EC2 entwickelt, also in der Richtung Trennung von Rechner und Datenspeicherung, dann verfügt man über eine sehr viel flexiblere und erweiterbare Infrastruktur, die es viel einfacher macht, Informationstechnik als Dienstleistung anzubieten.

UU:Wenn Sie mit der Planung einer neuen Roadmap beginnen, wie und wo setzen Sie da Ihre Prioritäten?

MS: Bei diesem Prozess verschmelzen Ideen aus verschiedenen Quellen. Auf der einen Seite haben wir das tolle Ökosystem der freien Projekte, die in einem enormen Tempo Ideen und Technologien hervorbringen. Das ist vollkommen unvorhersehbar und unkontrollierbar – ich weiß einfach nicht, was für interessante Sachen aus dem Apache Projekt in den kommenden neun Monaten hervorkommen. Ich weiß nicht, was für interessante Sachen von Mozilla kommen. Als Teil dieses Ökosystems sind wir sehr abhängig von diesen Projekten und zugleich auch sehr offen für ihre neuen Ideen.

UU: Also Sie beobachten aufmerksam das Apache Projekt, und wenn Sie etwas Interessantes sehen, denken Sie immer, was man damit anfangen könnte?

MS: Genau. Wir versuchen immer den Rahmen für Diskussionen zu bieten, um zu erfahren, was gerade los ist und wie man es deuten soll. Diese Entwickler sind in der Regel echt interessiert an Spitzentechnologie. Wir sind wiederum sehr daran interessiert, Millionen von Nutzern alle sechs Monate einen vorhersagbaren Impuls an neuen Funktionalitäten zu liefern. Das ist also eine nützliche Zusammenarbeit zwischen uns und den Upstream-Entwicklern.

UU: Haben Sie eine Struktur für Gruppen innerhalb Canonical und Ubuntu?

MS: Nun, es gibt das Server-Team in der Community. Es gibt ein Desktop-Team, ein Kubuntu-Team, das Netbook-Team und gibt ein Team um Moblin. Dann gibt es Leute, die an den Entwickler-Summit mit einem besonderen Interesse an PowerPC kommen, oder mit einem besonderen Interesse an Cloud Computing, oder mit einem besonderen Interesse an Hochleistungsdatenverarbeitung. Und wir führen diese unterschiedlichen Blickrichtungen am Entwicklertreffen zusammen, und vor den Entwicklertreffen, um zu entscheiden, worauf wir uns in den folgenden sechs Monaten konzentrieren sollen.

UU: Und Ihr letztes Entwicklertreffen war in Barcelona?

MS: Ja, wir veranstalten den Ubuntu Developer Summit immer im ersten Monat des jeweiligen Release-Zyklus, und der letzte in Barcelona war wirklich fantastisch. Barcelona war sonnig und schön. Unter den Teilnehmern befanden sich auch sehr viele Einheimische und eine Menge Leute aus der ganzen Welt. Es war wirklich hervorragend.

UU: Wie weit voraus sehen Sie? Planen Sie bereits vier weitere Tiere im Voraus?

MS:(Lacht...) Nun, wir bestimmen die Namen der Tiere nicht so weit voraus.

UU: Aber Sie planen bis zu vier Versionen im Voraus?

MS: Nein. Wir haben einen guten Überblick über die Dinge, die wir bei Canonical firmenintern fortführen möchten. Es gibt einige Dinge, die wir verwirklichen wollen, zum Beispiel den Übergang von 32-Bit auf 64-Bit. Wir wissen, dass ein Teil dieser Arbeiten Jahre in Anspruch nimmt, um es richtig zu machen. Also, beginnen wir mit der Planung und fangen an, daran zu arbeiten. Aber für die meisten Sachen, die wir tun, brauchen wir einen kürzeren Zyklus. Es ist schwer vorauszusagen, was in vier oder sogar in zwei Jahren wirklich relevant sein wird. Wir haben zwar längerfristige Visionen, aber wir versuchen immer die wichtigsten Dinge zu erkennen, die wirklich interessant sind und in den nächsten sechs Monaten verwirklicht werden können.

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