Uns bleibt immer noch Debian

Editorial

"Uns bleibt immer noch Paris" lautet ein berühmtes Zitat aus dem Film Casablanca. Der Satz: "Uns bleibt immer noch Debian!" klingt hingegen mehr wie eine Drohung. Man liest ihn in letzter Zeit häufiger in den Diskussionsforen, wenn es um die zunehmende Kommerzialisierung von Ubuntu geht. Kommerzialisierung? Da wäre zum Beispiel der Cloud Service Ubuntu One. Bei dem kann man bei Ubuntus Hauptsponsor Canonical für 10 Dollar im Monat 50 GByte Speicher mieten (oder kostenlos bis zu 2 GByte nutzen). Er gehört nun zur Standardinstallation. Auch der Wechsel zu Yahoo als Standardsuche in Firefox hat einen kommerziellen Hintergrund – mit den Suchanfragen verdient Canonical Geld. Zudem soll es für Ubuntu 10.04 sogar einen Music Store in der Art von iTunes geben. Aber wo liegt eigentlich das Problem?

Zum einen fühlen sich einige freiwillige Ubuntu-Unterstützer von Canonical überrumpelt. Da verdient plötzlich eine Firma Geld mit der Distribution, in die man viel von der eigenen Freizeit investiert hat. Zudem setzt diese Software teilweise auf proprietären Code.

Andere Nutzer befürchten eine Kommerzialisierung des Desktops. Kein Wunder: Man muss sich nicht erst Fußballübertragungen oder Filme aus Hollywood ansehen, um zu verstehen, wie der Kommerz gute Produkte zerstört. In der Windows-Welt verwandelt sich beliebte Gratis-Software über kurz oder lang meist in einen Pop-up-Albtraum, der Werbebanner und Adware auf den Rechner spült. Wird also Ubuntu auch bald vor Werbefenstern und Bannern wimmeln, wenn der Anwender sich gegen die werbefreie "Ubuntu-Pro-Edition" entscheidet?

Wohl eher nicht. Sieht man sich die kommerzielle Einmischung mal im Detail an, wird aus dem Elefant wieder eine Mücke. Wer Ubuntu One nicht mag, entfernt es einfach. Wer Yahoo nicht mag, stellt per Mausklick auf Google um und wer gern Musik kauft, wird sich eventuell sogar über einen integrierten Music Store freuen. Nebenbei bemerkt: Amarok bietet so einen Laden bereits seit längerem an, und das Mozilla-Projekt verdient Geld, indem es Google als Standardsuche anbietet.

Zudem verdrängen die Kritiker gern, dass Canonical die Ubuntu-Entwicklung jährlich mit Millionen finanziert – und das schon lange. Für die Firma arbeiten mittlerweile mehr als 300 Leute, und die bezahlten Entwickler sorgen – neben der Community – dafür, dass Ubuntus Desktop komfortabler wird. Wohlgemerkt: Der Desktop. Welcher andere Linux-Sponsor kümmert sich schon um den normalen Desktop-User? Zugleich verspricht Ex-CEO Shuttleworth, dass Ubuntu stets frei bleiben wird. Canonical muss sich also über Dienste rund um Ubuntu finanzieren, denn die Firma schreibt keine schwarzen Zahlen und das Geld von Multimillionär Shuttleworth vermehrt sich nicht von selbst. Da liegt es nahe, die User auch als Kunden zu gewinnen.

Problematisch wäre die Lage erst, wenn der Anwender keine Wahl mehr hätte, weil er eine bestimmte Software nicht entfernen könnte oder Werbung akzeptieren müsste. Aber so lange Ubuntu seine Dienste – wie bisher – als Angebote und nicht als Zwänge verkauft, zeigen die meisten Nutzer sicherlich Verständnis dafür. Andernfalls bleibt immer noch Debian – das weiß auch Canonical.

edi_heftversion.jpg

Kristian Kißling, Chefredakteur

Einem Freund empfehlen