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© Raoul Fesquet, Fotolia

Look in the mirror, man!

Editorial

Der April war sicherlich hart für Steve Jobs. Dabei sah zunächst alles so gut aus. Die Medien überschlugen sich förmlich, um einen Blick auf Jobs neues iPad zu werfen. Und er durfte sich einmal mehr als Guru der Technologiewelt feiern lassen. Dann geschah vermutlich irgendetwas, das ihn – der als ausgeglichener Mensch und in sich ruhender Asket gilt – völlig aus der Bahn warf. Ich glaube, es war Lucid. Ich glaube, Jobs bootete eine Live-CD mit der Betaversion von Ubuntu 10.04, und es traf ihn wie ein Hammer: "Oh my god! Das sieht ja aus wie von uns!"

Jobs, so stell ich mir das vor, stand also fassungslos vor Lucid. In diesem Augenblick, es war der 19. April, muss es dann passiert sein. Vermutlich schlich ein Mitarbeiter in Jobs Büro: "Hey Steve, Gizmodo berichtet gerade über unseren geheimen iPhone-Prototypen!" [1]

An dieser Stelle imaginiere ich einen derben und lauten Fluch, den ich hier keinesfalls wiederholen kann. Auf Jobs Bildschirm läuft das neue Ubuntu im Mac-OS-X-Stil, in seinem Kopf spukt der verlorene iPhone-Prototyp – in einem deutschen Brauhaus liegen gelassen von einem Mitarbeiter. Das war vermutlich der Moment, in dem Jobs linkes Auge von selbst zu zwinkern begann und die Spannung Synapsen im Gehirn verschmolz, die besser für getrennt bleiben.

REACT steht für "Rapid Enforcement Allied Computer Team". Die Spezialeinheit wurde 1997 vom kalifornischen Justizministerium ins Leben gerufen, um gegen Computerkriminalität vorzugehen. Das "Enforcement-Team" pflegt sogar eine Webseite, auf der man online Computerverbrechen melden kann [2]. Ich stelle mir also vor, wie Jobs – immer noch wutentbrannt (und vielleicht sogar vom Ubuntu Live-System aus) – seine Daten in die Eingabemaske hämmerte und im Ausklappmenü Type of Crime abwechselnd und geradezu manisch auf Trade secrets und Computer Equipment Theft klickte – um sich schließlich für die zweite Variante zu entscheiden.

Wie anders lässt es sich erklären, dass am 27. April ein REACT-Team mit richterlichem Segen das Haus des Gizmodo-Bloggers Chen leer räumte? Ob auch für Blogger der Quellenschutz gilt, ist in den USA zwar ungeklärt, die Electronic Frontier Foundation (EFF) verurteilte die Aktion aber als "höchstwahrscheinlich illegal" [3].

Vielleicht war es am Ende Jon Stewart, der Jobs über das Fernsehen den kleinen Fehltritt zu Bewusstsein brachte [4]. Der beliebte Komiker und erklärte Apple-Fan ließ eine beißende Satire auf die "Appholes" vom Stapel. In dieser zeigte er unter anderem Apples berühmten Werbespot von 1984 [5], in dem sich eine Apple-Userin gegen Big Brother und die graue Masse der Anwender erhebt. Stewart wandte sich anschließend mit den Worten an Jobs "Look in the mirror, man!"

Und was tat Jobs, um nun von der ganzen Geschichte abzulenken? Er verfasste einen Blog-Eintrag zu Adobes Flash [6]. Und er benutzte darin tatsächlich folgende Worte: "Adobe behauptet, dass wir Closed Source sind und dass Flash offen ist, tatsächlich ist das Gegenteil wahr." Look in the mirror, man!

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Kristian Kißling,

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