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© Aleksandar Jovanovic, 123RF

Den Durchblick behalten

Gnomes Screen Reader und Screen Magnifier

Auch sehbehinderte Menschen wollen sich am PC zurecht finden. Wir werfen einen Blick auf Gnomes Orca, den integrierten Screen Reader und Magnifier. Eignet sich die Software für den alltäglichen Einsatz?

Orca ist ein von Sun (jetzt Oracle) entwickelter Open-Source-Screenreader für die Arbeitsumgebung Gnome und verdankt seinen Namen einem proprietären Konkurrenzprodukt: JAWS (Job Access With Speech). Jaws lautet der englische Originaltitel des Filmes "Der weiße Hai". Im Film machen die Protagonisten in einem Boot namens "Orca" Jagd auf den Hai. Wie aber schlägt sich Orca unter Ubuntu?

Zunächst fällt beim Booten der Installations-CD von Ubuntu 10.04 auf, dass der gewohnte Startbildschirm fehlt. Hier treffen Menschen mit Sehbehinderung auf eine erste Hürde, da sich das Hinweissymbol für die Barrierefreiheit am unteren Bildschirmrand befindet und keine Größenanpassung erfolgt. Betätigen Sie eine beliebige Taste, erscheint zunächst die Sprachauswahl. Drücken Sie dreimal [Pfeil-hoch] und dann [Eingabe], um Deutsch als Sprache auszuwählen. Über [F5] gelangen Sie zu den Startoptionen für die Barrierefreiheit.

Im nun angezeigten Untermenü wählen Sie den Punkt Bildschirm-Lupe (Abbildung 1), indem Sie zweimal [Pfeil-unten] und dann [Eingabe] drücken. Andere Optionen zur Barrierefreiheit wie Braille-Terminal oder Bildschirm-Tastatur wählen Sie hier auch aus, auf sie gehen wir aber nicht weiter ein.

Abbildung 1

Abbildung 1: Über

Haben Sie den Modus ausgewählt, schließt sich das Untermenü. Nun entscheiden Sie, ob Sie Ubuntu installieren oder Ubuntu ohne Installation ausprobieren. Die erste Variante ist problematisch: Die während der Installation angezeigten Dialoge und Texte erscheinen lediglich in Normalgröße. Die Einstellungen zur Barrierefreiheit stehen erst nach der Installation und einem einmaligen Neustart zur Verfügung.

Glücklicherweise gibt es hier einen Workaround, mit dessen Hilfe Sie dieses Problem umgehen: Sie wählen einfach die erste Bootoption und starten in den Live-Modus. In diesem funktioniert die Bildschirmvergrößerung, und Sie schieben den Installationsprozess über die Desktopverknüpfung an (Abbildung 2). Dabei stellt Ubuntu alle zur Installation notwendigen Dialoge entsprechend vergrößert dar, mitunter müssen Sie etwas warten, bis die Lupe erscheint.

Abbildung 2

Abbildung 2: Die Bildschirmlupe steht bei normalen Installationen nicht zur Verfügung. Sie müssen Ubuntu 10.04 also im Live-Modus installieren.

Unter der Lupe

Wie aber sehen die Leistungsmerkmale von Orca aus? Zunächst einmal bietet die Software dem Anwender etliche Einstellungsmöglichkeiten an (unter Einstellungen). Die wohl wichtigsten Justierungen für Sehbehinderte finden Sie im Reiter Lupe.

Dort wählen Sie unter anderem die Bildschirmvergrößerung aus. Diese ermöglicht es Ihnen, den Bildschirm bis zu 16 Mal zu vergrößern. Dabei entscheiden Sie auch, ob Sie für die vergrößerte Darstellung das komplette Bild nutzen wollen oder nur Teile (Rechte Hälfte, Linke Hälfte usw.) Letztere Möglichkeit kommt insbesondere beim Einsatz eines Bildschirmlesegerätes zum Tragen. Über die Option benutzerdefiniert aus dem Aufklappmenü Position justieren Sie den Aktionsradius der Lupe pixelgenau.

Weiterhin stellen Sie hier ein, wie der Mauszeiger aussieht, mit dem Sie die Lupe steuern. In diesem Fall reicht das Spektrum von einem normalen Mauszeiger bis hin zu einem Vollbildschirm-Fadenkreuz. Sie adaptieren zudem die Größe und die Farbe des Zeigers, dessen Anzeige sich dabei automatisch dem Vergrößerungs-Level anpasst, den Sie für den Desktop wählen. Daneben stehen verschiedene Farboptionen zur Wahl, über die Sie Schwächen im Farbspektrum ausgleichen und einzelne Farben ignorieren. Neben Einstellungen für Helligkeit und Kontrast finden Sie unter Erweitert die Möglichkeit, Farbkanäle anzusteuern.

Weiterhin können Sie Farben invertieren, was gerade bei Menschen mit Licht- und Helligkeitsempfindlichkeiten auf große Gegenliebe treffen dürfte. Das Invertieren berücksichtigt dabei die eben getroffenen Einstellungen, eventuell müssen Sie noch Feinjustierungen vornehmen.

Lesen und lesen lassen

Wählen Sie vor der Installation die Bildschirm-Lupe, startet Orca automatisch auch eine Sprachunterstützung, die Sie über die Register Sprache und Aussprache konfigurieren. Orcas Screenreader lässt sich über [Einfg]+[S] (auf Laptops [Feststell]+[S]) deaktivieren und wieder einschalten. Die computergenerierte Stimme kommentiert nicht nur Ihre Arbeitsschritte, sondern liest auf Wunsch auch die Objekte unter dem Mauszeiger vor.

Über die Optionen im Register Sprache erhalten Sie die Möglichkeit, Sprechgeschwindigkeit, Tönhöhe und Lautstärke, sowie den Interpunktionsgrad (den Grad der zu sprechenden Satzzeichen) einzustellen. Ein gutes Hilfsmittel bietet Orca für das Vorlesen von Tabellen: Sie bestimmen, ob Orca in Tabellen die aktuelle Zeile oder die aktuelle Zelle vorlesen soll.

Einige der Funktionen passen Sie im laufenden Betrieb mithilfe von Tastenkombinationen an. Beim Vorlesen von Tabellen wechseln Sie über [Einfg]+[F11] (auf Laptops über [Feststell]+[F11]) zwischen Zeilen- und Zellenmodus hin und her, oder rufen den Einstellungsdialog über [Einfg]+[Leertaste] (auf Laptops [Feststell]+[Leertaste]) auf.

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