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© Bild: Christoph Langner

"Nicht locker lassen"

Interview mit Christoph Langner

Christoph Langner ist langjähriger Ubuntu-Nutzer und Autor des beliebten Open-Source-Blogs "LinuxUndIch". Für unsere Leser hat er unter anderem drei Softwareempfehlungen im Gepäck.

Ubuntu User: Einige Leser kennen Dich ja bereits als Autor zahlreicher Artikel im Ubuntu User. Was machst Du sonst so?

Christoph Langner: Ich arbeite für ein deutsches Softwareunternehmen aus der Logistikbranche in Karlsruhe im Testmanagement. Ansonsten pflege ich so oft wie möglich meine Hobbys, trainiere Karate, fahre mit dem Rennrad durch den schönen Schwarzwald – Mitfahrgelegenheiten sind immer willkommen :) – und muss dazwischen noch die Zeit für meine bessere Hälfte einpflegen.

UU: Was ist "LinuxUndIch" und was hat Ubuntu damit zu tun?

CL: LinuxUndIch.de ist ein Blog über Linux im Allgemeinen, Ubuntu im Speziellen und freie Software im Großen und Ganzen. Von daher beantwortet sich auch der zweite Teil der Frage. Da ich auf dem Desktop sehr gerne Ubuntu verwende und sich dort viele spannende Entwicklungen abspielen, schreibe ich viele Beiträge auf Basis von Ubuntu, was aber nicht heißt dass das Blog für Nutzer anderer Linux-Distributionen uninteressant sein sollte.

UU: Welche Themen findet man denn in Deinem Blog?

CL:Generell versuche ich nur über Themen zu schreiben, die ich persönlich für wichtig und interessant erachte und die ich selber auch getestet habe. Von daher ist vieles im Blog auf Gnome als Desktopumgebung und Ubuntu als Distribution bezogen. Da sich Android als Smartphone auch gut mit Linux versteht, gibt es des öfteren Beiträge rund um Android.

UU: Apropos Gnome: Was hältst Du von der Entscheidung des Ubuntu-Projekts, Unity statt Gnome zu verwenden?

CL: Ich persönlich finde sie letztendlich positiv, kann aber nachvollziehen, dass viele Anwender nicht gerade begeistert von dieser Entscheidung sind. Man muss verstehen, dass Gnome aktuell massiv im Umbruch ist. Weg von GTK+ 2, hin zu GTK+ 3. Weg von der alten Gnome Shell mit den vertrauten Panels und Applets, hin zur neuen Gnome Shell. Ist Gnome 3.0 (mit all seinen neuen Abhängigkeiten) schon weit genug, um als Standarddesktop zu dienen? Canonical hat sich letztendlich dafür entschieden Gnome 2 etwas länger zu verwenden und den Desktop mit Unity als Shell etwas aufzupolieren.

Blickt man auf die Umstellung von KDE 3 auf KDE 4 zurück, ist das vielleicht nicht der dümmste Weg. Die KDEler mussten nach dem Release des ersten KDE-4-Desktops massive Kritik einstecken und das erste "KDE-4"-Kubuntu hatte einen schweren Stand. Sehr sehr viele Anwender haben damals massiv über KDE 4 geschimpft und sind zu Gnome gewechselt. Ich denke, dass es für eine so weit verbreitete Distribution wie Ubuntu kein schlechter Weg ist, zunächst auf das bewährte Gnome 2 zu bauen und es mit Unity modern zu gestalten. Fedora 15 dagegen, das ja auch bald erscheinen wird, setzt auf einen ziemlich unveränderten Gnome-3-Desktop. Wir werden sehen, welche Konsequenzen dies mit sich bringt.

Da ich schon länger meinen Desktop mit Docks wie Awn oder Cairo-Dock und Anwendungsstartern wie Gnome-Do oder Kupfer in eine ähnliche Richtung wie Unity gestalte, komme ich auch gut mit dem Launcher und dem Dash von Unity zurecht. Diskussionswürdig ist jedoch das im oberen Panel platzierte globale Menü für alle Anwendungen und der Verzicht auf das Benachrichtigungsfeld. Hier muss man sich in der Tat als Anwender umgewöhnen und es müssen auch noch ein paar Bugs ausgebügelt werden.

UU: Wie schätzt Du Ubuntus Zukunft ein?

CL: Ich denke Ubuntu ist nicht schlecht aufgestellt. Die ganzen offiziellen Ubuntu-Derivate bieten dem Anwender eine große Vielfalt an gut vorkonfigurierten Desktops. Dazu noch die Unterscheidung zwischen LTS- und Nicht-LTS Versionen, die dem User die Wahl zwischen einem stabilen System (bitte dieses stabil im Sinne von "Hier ändert sich an der Basis nichts mehr" verstehen) und neuer Software lassen. Dazu noch die Möglichkeit neuere Versionen oder Programme über PPAs auch in älteren Ubuntu-Versionen gezielt nachzurüsten. Daran wird in meinen Augen auch Unity wenig ändern.

UU: Wie kamst Du überhaupt zu Linux?

CL: Das ist schon eine ganze Weile her. An der Universität habe ich als Admin bei einem Zentrum gearbeitet, das blinde und sehgeschädigte Studenten beim Studium unterstützt. Dort liefen die Server wie auch einige Workstations für Blinde unter Linux. Wenn ich mich recht erinnere, muss das Suse 6.4 gewesen sein. Gerade für Blinde hatte Linux damals einen extremen Vorteil. Screenreader, die den Inhalt eines grafischen Desktops wiedergeben können, standen damals erst am Anfang ihrer Entwicklung und kosteten ein Vermögen (was sie auch heute immer noch tun). Linux dagegen konnten (und können) Blinde aufgrund seines leistungsfähigen Terminals dagegen sehr gut von nutzen. So bin ich immer mehr in die Linux-Welt abgetaucht. Allerdings nutze ich erst seit ungefähr 2005 Linux auch auf dem Desktop. Zuvor – so muss ich ehrlicherweise zugeben – war mir das zu viel Frickelei.

UU: Und wie bist Du auf Ubuntu gestoßen?

CL: Das fällt mit meinem Umstieg von Windows auf einen Linux-Desktop zusammen. Auf Servern habe ich zu dieser Zeit (und immer noch) sehr gerne Debian verwendet. Die auf Apt basierende Paketverwaltung machte es recht leicht, Software aus den Debianquellen sowie auch aus fremden Quellen zu installieren. Allerdings war es mir immer zu viel Aufwand, einen wirklich gut funktionierenden Linux-Desktop mit Debian aufzusetzen. Irgendwas nervte immer. So war der Leidensdruck, von Windows wegzukommen, letztendlich niedriger, als das Verlangen, auf ein Linux-System umzusteigen. Ubuntu mischte dann für mich die Karten völlig neu. Ubuntu Hoary Hedgehog 5.04 ließ sich ohne Probleme auf allen meinen Systemen installieren. Die Installation der proprietären Grafiktreiber lief zuverlässig, das WLAN meines Laptops tat usw. Binnen kurzer Zeit bin ich dann komplett auf Ubuntu als Desktopsystem umgestiegen, ohne dass ich Windows groß vermisste.

UU: Du warst ziemlich aktiv in der Community von Ubuntuusers.de?

CL: Ja, das war ich. Über die Jahre habe ich dort lange Zeit im Team mitgearbeitet, habe das Moderationsteam geleitet, viele der heute noch gültigen Abläufe eingeführt, unzählige Wiki-Artikel geschrieben und mehrere zehntausend Beiträge in den Support-Foren geschrieben.

UU: Und dann bist Du ausgestiegen?

CL: Ja, aufgrund anderweitiger Aufgaben habe ich anfangs meine Mitgliedschaft in den Teams ausgesetzt. Bei Ubuntuusers.de sind mehr als sechzig Mitglieder sehr engagiert in alle möglichen wichtigen Entscheidungen eingebunden, welche die Uu.de-Community betreffen. Dies macht Veränderungen und Entscheidungen extrem aufwändig, da viele Dinge intern bis zum bitteren Ende ausdiskutiert werden müssen. Später – als sich dann offenbarte, dass sich die Ziele von Uu.de nicht mehr mit meinen deckten – habe ich den lange Jahre genutzten Account "Chrissss" auch stillgelegt. Auf Ubuntuusers.de schreibe und lese ich daher aktuell nur noch sehr selten.

UU: Was hindert Ubuntu/Linux Deiner Meinung nach am ehesten daran, auf dem Desktop im großen Stil Fuß zu fassen?

CL: Eine schwierig zu beantwortende Frage. Erstens muss man sagen, dass Microsoft mit Windows 7 vieles richtig und wenig falsch gemacht hat. Wem Windows XP zu alt und virenverseucht und Vista zu träge war, der bekommt mit Windows 7 wieder ein System, mit dem es sich ganz gut leben lässt. Warum dann also eine Alternative suchen?

Ich persönlich nutze gerne Linux/freie Software, weil unter anderem die freie Verteilbarkeit schon lange bedeutet, dass man Anwendungen zentral über einen "App Store" (im Linux-Sprech: die Paketverwaltung) installieren kann. Ein aktuelles Ubuntu mit der wichtigsten Software und allen Updates habe ich in rund einer halben Stunde aufgesetzt. Bei Windows bin ich Stunden damit beschäftigt, alles zusammen zu sammeln. Microsoft und Apple haben die Vorteile eines zentralen Software-Repositories ja auch erkannt und basteln sich gerade ihre App Stores zusammen.

Das größte Problem ist in meinen Augen nach wie vor die Unterstützung von Peripheriegeräten. Bei Webcams, vielen Druckern oder etwa WLAN-Karten kann man das Thema zum Glück als fast gelöst betrachten. Hier findet man schnell gute Produkte, die problemlos unter Linux laufen. Doch was ist mit dem Aufspielen von neuen Karten auf das Navigationsgerät? Der digitalen TV-Karte? Oder neuen Hardwaretrends wie Nvidias Optimus, das unter Linux nicht unterstützt werden soll? Hier darf die Linux-Community nicht locker lassen und muss entweder so lange nerven, bis sich die Hersteller erbarmen, Linux-Treiber unter entsprechenden Lizenzen freizugeben oder ihre Spezifikationen offen zu legen, damit sich die Community selber um Treiber bemühen kann.

Außerdem ist es in meinen Augen ein Problem, dass Linux-Systeme jahrelang eher als billiger Notnagel verkauft wurden. Zahlreiche Händler haben lieblos zusammengestöpselte Computer mit einem Alibi-Linux verkauft, nur um das Gerät nochmal ein paar Euro billiger zu machen. Wer diese Linux-Systeme jedoch einmal ausprobiert hat, der hat sich wahrscheinlich mit Schrecken umgedreht und nie wieder eine Linux-Installation angeschaut. Zum Glück haben mittlerweile auch in Deutschland ein paar kleinere Händler gemerkt, dass sich gut vorkonfigurierte Linux-Systeme mit ordentlicher Hardware auch gut verkaufen lassen.

UU: Nutzt Du manchmal Windows und wenn ja, wofür?

CL: Im Unternehmen benutze ich praktisch ausschließlich Windows, da habe ich leider nicht die Wahl, mir mein System auszusuchen. Aber Privat? Ich habe auf keinem meiner Rechner ein Windows installiert und ich vermisse es auch nicht. Ich bin kein Computerspieler und wähle meine Hardware umsichtig aus, so dass ich gänzlich ohne eine Windows-Installation auskomme. (PS: OK, eine VirtualBox mit Windows XP habe ich hier für Tests rumfliegen ;))

UU: Zum Schluss würde ich noch gern hören, welche drei Linux-Anwendungen Dich in letzter Zeit besonders begeistert haben.

CL: Das wäre auf jeden Fall das Screenshot-Tool Shutter. Für die Artikel in den Zeitschriften Linux- und Ubuntu-User und in meinem Blog muss ich viele Screenshots erstellen. Mit Shutter kann ich in einem Arbeitsgang die Bilder bequem erstellen, zuschneiden, Anmerkungen setzen usw. Mario macht bei der Entwicklung dieses Programms einen riesen Job (er nutzt bspw. bereits die Quicklists von Unity) und hat schon den einen oder anderen Vorschlag von mir eingebaut.

Danach würde ich Chromium/Chrome erwähnen. Ich benutze Firefox schon seeeeehr lange. Damals hieß Firefox noch Phoenix und man wurde komisch angelächelt, wenn man den Leuten von diesem eigenartigen Browser erzählte. Mittlerweile verwende ich aufgrund der besseren Performance sehr gerne Chromium/Chrome. Auf einem leistungsfähigen Desktopsystem merkt man den Unterschied kaum, doch auf einem schwächelnden Netbook macht Chromium deutlich mehr Dampf als Firefox.

Als drittes Programm möchte ich Openshot nennen. Lange, aber wirklich lange, hat es kein einsteigerfreundliches Programm zum Schnitt von Videos unter Linux gegeben. Openshot füllt so langsam diese Lücke. Mit Openshot lassen sich wirklich einfach Videos schneiden, überblenden, vertonen und mit Titeln versehen. Ich bin auch erst dabei, all die Möglichkeiten von Openshot zu entdecken.

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