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© Axel Teichmann, Fotolia

Mehr Platz

So tickt Ubuntus neuer Desktop

Ubuntus neuer Desktop Unity sieht nicht nur gut aus. Die Software nutzt auch den Platz auf dem Bildschirm besser aus und beschleunigt dank intelligenter Shortcuts die tägliche Arbeit.

Die Einführung von Unity hat schon lange vor der Veröffentlichung ziemlichen Staub aufgewirbelt. Einige der Vorwürfe sind sicher berechtigt, andere lassen sich anfechten. So etwa die Frage nach den Hardware-Anforderungen. Um vernünftig zu laufen, braucht Unity z. B. eine funktionierende 3-D-Beschleunigung. Es kooperiert dafür mit allen Grafikchips der letzten sechs Jahre, was durchaus vertretbar ist.

Während Neueinsteiger aber meist schnell akzeptieren, was sie vorfinden, warten die meisten Probleme im Umgang mit Unity vermutlich auf Profis und fortgeschrittene Nutzer. Sie haben den klassischen Gnome-Desktop unter zeitlichem Aufwand an ihre Bedürfnisse angepasst. Nun funktionieren plötzlich bestimmte Tastaturkürzel nicht mehr und fehlen einzelne Elemente und Features während sich andere nicht ändern lassen. So sahen es jedenfalls viele Early Adopter, die Unity bereits im Vorfeld ausprobiert und sehr schnell abgelehnt haben. Kein Wunder: Der Desktop fiel anfangs durch permanente Abstürze und langsame Reaktionszeiten auf. Beliebte Tastenkombinationen wie [Alt]+[F2] funktionierten nicht, einige Dateien und Programme ließen sich über das Dash nicht aufrufen und eine wie auch immer geartete Kategorisierung fehlte auch.

Mittlerweile haben die Entwickler auf fast alle Kritikpunkte reagiert, ein paar Verhaltensauffälligkeiten des Desktops gibt es aber noch immer. Diese Liste ist sicherlich subjektiv gefärbt, dennoch dürften die folgenden Details im Alltagsbetrieb für Verwirrung sorgen.

Zunächst fehlen die Gnome-Applets. Dabei handelt es sich um die nützlichen Hilfsanwendungen für das Panel. Wer also über einen Systemmonitor die CPU- und Netzwerkauslastung im Auge behält, muss sich nach einer neuen Lösung umschauen (etwa Gkrellm oder Conky). Auch Zeichenpaletten und Wörterbücher ließen sich zuvor wunderbar in das Panel integrieren. Die Applets kommen vermutlich auch nicht nachträglich zurück, weil das globale Menü nun ihren Platz besetzt – Kollisionen wären die Folge.

Bleiben wir beim globalen Menü. Sie arbeiten unter Unity quasi stets im Vollbildmodus, was gut ist, weil Sie den Bildschirmplatz besser nutzen. Die Menüs der meisten Anwendungen tauchen dabei ganz oben im Panel auf. Das bleibt unglücklicherweise auch so, wenn Sie die Fenster verkleinern. Um die Menüpunkte aufzurufen, müssen Sie die Maus auf das Panel bewegen, was anfangs verwirrt. Wollen Sie zum Beispiel die Einstellungen eines Programms aufrufen, schauen Sie zuerst in dem verkleinerten Fenster nach dem Menü und ziehen vielleicht sogar die Maus dorthin. Dann fällt Ihnen ein, dass das Menü sich ja im Panel befindet – dort ist es aber (noch) nicht zu sehen. Erst wenn Sie den Mauszeiger über das Panel schubsen, erscheinen die Menüpunkte. Apple-Nutzer kennen das nicht anders, eingefleischte Linux- und Windows-Nutzer müssen sich wohl erst daran gewöhnen.

Auch Freunde des Systembereichs (unter Windows "Systray") enttäuscht Unity: Nur noch wenige Anwendungen (etwa Skype, Java-Anwendungen, Mumble) landen dort (Abbildung 1). Das lässt sich jedoch ändern, indem Sie eine Whitelist ergänzen (siehe Kasten Whitelist). Beim Unity-Starter – dem Panel auf der linken Seite – ist das schon schwieriger. Über den CompizConfig Einstellungs-Manager verkleinern Sie die Icons des Starters und so die komplette Leiste. Der Starter lässt sich allerdings nicht auf eine andere Seite verpflanzen, weil Mark Shuttleworth ihn nahe beim Ubuntu-Logo links oben halten will [1]. Vermutlich gibt es bald einen Hack für Fans anderer Lösungen. Shuttleworth hat nichts dagegen, will aber keine Entwickler darauf ansetzen.

Abbildung 1

Abbildung 1: Für einige Anwendungen, zu denen Skype gehört, gibt es in Unity noch ein Icon im Systembereich. Sie erweitern die Liste aber problemlos um eigene Programme.

Whitelist

Über den Befehl gsettings set com.canonical.Unity.Panel systray-whitelist "['JavaEmbeddedFrame', 'Wine','Skype','Dropbox']", den Sie in ein Terminal eintippen ([Strg]+[Alt]+[T]), schalten Sie den Systembereich für einzelne Anwendungen frei. Ergänzen Sie die eckigen Klammern zum Beispiel um ,'Opera'.

Neben seinen Schwächen bringt der Desktop aber auch zahlreiche handfeste Vorteile mit. Nicht nur haben die Entwickler in den letzten Wochen und Tagen noch viele Fehler ausgebügelt und Features eingeführt ([Alt]+[F2] funktioniert wieder, der Starter verschwindet automatisch usw.). Sie haben es auch geschafft, den Gesamteindruck und das Zusammenspiel der Komponenten spürbar zu verbessern. Vor allem die Tastaturkürzel funktionieren mittlerweile eindrucksvoll. Wer sie erlernt, kann den eigenen Arbeitsprozess im Vergleich mit dem klassischen Gnome deutlich beschleunigen.

Klebstoff

Da Unitys Bedienung von der des klassischen Gnome-Desktops abweicht, werfen wir zunächst einen Blick auf den Aufbau und die Bedienung des Desktops mit der Maus, bevor wir zu den Tastaturkürzeln kommen. Oben links sehen Sie den Home Button. Bewegen Sie den Mauszeiger dorthin, taucht auf der linken Seite der halbtransparente Starter auf, auf den Sie später die Starticons für Ihre Lieblingsprogramme kleben.

Klicken Sie auf das graue Ubuntu-Logo, erscheint das Dash (Abbildung 2). Dabei handelt es sich zugleich um eine Startrampe für die zahlreichen Programme und um eine Suchmaschine, die lokale Dateien aufspürt. Die unteren vier Icons lassen Sie blitzschnell im Internet browsen, Musik hören, Bilder ansehen und ihre E-Mails abholen. Etwas differenzierter suchen Sie über die Einträge Media Apps, Internet Apps und More Apps nach Anwendungen aus einem bestimmten Bereich.

Abbildung 2

Abbildung 2: Über das Dash erreichen Sie blitzschnell Dateien und Anwendungen. Sie aktivieren es unter anderem über [Super].

Folgen Sie dem Link, stoßen Sie auf ein dreigeteiltes Fenster (Abbildung 3): Oben finden Sie die zuletzt genutzten Anwendungen – die am häufigsten aufgerufenen stehen ganz links. In der Mitte zeigt das Dash die installierten Programme an. Schön ist der unterste Bereich: Hier präsentiert das Dash Software zum gesuchten Thema, die noch im Paketmanager steckt. Geben Sie zum Beispiel media ein, erscheinen dort alternative Mediaplayer. Klicken Sie auf eines dieser Icons, landen Sie auf dem kurzen Dienstweg direkt im Softwarecenter, um die Anwendung zu installieren.

Abbildung 3

Abbildung 3: Apps kategorisiert das Dash automatisch. So gelangen Sie stets schnell zu den zuletzt verwendeten Programmen. Sehr hübsch ist der Bereich "Anwendungen zum Herunterladen".

Neben den Kategorien finden Sie im Dash auch eine Eingabezeile, über die Sie gezielt nach Anwendungen und Dokumenten suchen. Geben Sie bansh ein (Abbildung 4), taucht oben der Audioplayer Banshee auf, darunter finden Sie Dokumente, die irgendwie mit diesem Audioplayer zusammenhängen, dazu Bilder, Audio- und Videodateien, PDFs usw. Da die Ergebnisse sofort auftauchen, eignet sich die Zeile auch für die Suche nach Dokumenten und Anwendungen, deren Namen Sie nicht mehr hundertprozentig wissen. Ein Rechtsklick auf das Unity-Panel lässt das Dash verschwinden.

Abbildung 4

Abbildung 4: Geben Sie im Dash einen Begriff ein, findet die Software nicht nur die zugehörige Anwendung, sondern auch Dateien und Ordner, in denen dieser Name auftaucht.

Als Ubuntu-Neuling kommen Ihnen viele Anwendungsnamen sicher eigenartig vor. Aber nicht nur unbeschlagene Nutzer wissen oft nicht, welches Tool beim Bewältigen einer bestimmten Aufgabe hilft, etwa beim Rippen einer CD, beim Entwerfen einer Skizze oder beim Schneiden eines Videos. Hier helfen die Kategorien eines Starter-Icons. Ganz unten im Starter fällt ein graues Icon mit einem Pluszeichen ins Auge, über das Sie gezielt nach Anwendungen aus bestimmten Bereichen fahnden. Ein Rechtsklick auf das Icon ruft ein Menü mit Kategorien auf den Bildschirm, aus dem Sie die zu Ihrer Suche passende Kategorie wählen (Abbildung 5). Das Dash startet dann wieder in der Anwendungsübersicht, zeigt aber nur die zur Kategorie gehörigen Programme an.

Abbildung 5

Abbildung 5: Auch wenn das bekannte "Anwendungen"-Menü des klassischen Gnome fehlt, müssen Sie nicht auf eine Kategoriensuche verzichten.

Solche speziell angepassten Dash-Ansichten bezeichnen die Entwickler auch als Lenses (dt. Linsen). Sie fokussieren einen bestimmten Aspekt einer Suche, in Abbildung 5 etwa die Suche nach Anwendungen aus dem Bereich Bildung. Hinter dem Icon direkt darunter verbirgt sich auch eine Linse, über die Sie gezielt nach Dateien und Ordnern suchen. Linsen sind vergleichsweise einfach zu programmieren, von ihnen soll es zukünftig einige geben [2]. Sie erlauben es zum Beispiel, sich per Mausklick schnell mit einem SSH-Server zu verbinden [3]. Sie können die Linsen auch zum Verwalten von Webseiten, Büchern, Videos und für einen schnellen Zugang zu aktuellen Sportergebnissen verwenden.

Starthilfe

Startet ein Programm, ändert das zugehörige Icon auf dem Starter seine Farbe. Laufende Anwendungen identifizieren Sie anhand des kleinen Dreiecks links neben dem Icon (Abbildung 5). Rechts erscheint ein zweites Dreieck, wenn die Anwendung gerade den Fokus hat. Klicken Sie mit der rechten Maustaste auf ein vorhandenes Icon, erscheint in der Regel dessen Name und darunter die Option Im Starter behalten. Entfernen Sie das Häkchen, fliegt das Icon aus dem Starter. Alternativ schieben Sie es mit gedrückter Maustaste nach rechts aus dem Starter heraus und lassen es in den Mülleimer fallen.

Neue Icons platzieren Sie hier, indem Sie zunächst die zugehörige Anwendung aufrufen. Dann klicken Sie mit der rechten Maustaste auf das temporäre Icon im Starter und wählen Im Starter behalten. Bei einigen Anwendungen finden Sie dort noch zusätzliche Einträge. So bietet das Screenshot-Werkzeug als Option an, ein Bild des Desktops oder des aktuellen Fensters aufzunehmen. Laufende Anwendung lassen sich über das Menü zudem Beenden. Klicken Sie mit der mittleren Maustaste auf eines der Starticons (etwa auf das von Firefox), öffnet Unity eine weitere Instanz des Programms in einem neuen Fenster. Läuft die Anwendung noch nicht, wird sie so gestartet.

Die Reihenfolge der Icons bestimmen Sie ganz einfach selbst. Alle Icons verschieben Sie per Drag & Drop an andere Positionen auf dem Starter. Sie ziehen sie einfach seitlich aus dem Starter und lassen Sie woanders fallen. Lediglich die drei untersten Icons sind fixiert.

Um den Starter zu verkleinern, müssen Sie den CompizConfig Einstellungs-Manager installieren, der einige Einstellungen für Unity ändert. Suchen Sie im Softwarecenter nach ccsm und installieren Sie die Anwendung Einstellungen für erweiterte Arbeitsoberfläche (ccsm). Anschließend rufen Sie die Software über das Dash und die Eingabe von ccsm auf (Abbildung 6). Hintergrund: Über die Software ändern Sie sämtliche Einstellungen für Unitys Fenstermanager Compiz, der im Hintergrund läuft und unter anderem für die zahlreichen 3-D-Effekte sorgt. Wählen Sie links den Eintrag Arbeitsfläche, dann rechts Ubuntu Unity Plugin, öffnet sich ein Konfigurationsfenster mit den Reitern Behaviour (Verhalten) und Experimental.

Abbildung 6

Abbildung 6: Einige Unity-Einstellungen für den Starter und die Exposé-Ansicht ändern Sie über den Einstellungsmanager für Compiz.

Über Hide Launcher legen Sie fest, wie sich der Starter versteckt – automatisch (Autohide), gar nicht (Never) oder nur dann, wenn ihn ein aktives Fenster berührt (Dodge Active Window). In der Standardeinstellung (Dodge Window) macht er sich rar, sobald ihn irgendein Fenster berührt. Sie ändern hier auch die Tastenbelegungen der wichtigsten Unity-Kürzel – dazu später mehr. Im Reiter Experimental legen Sie über den Schieberegler Launcher Icon Size die Größe der Icons fest. Über die Aufklappmenüs beeinflussen Sie, wie die grafische Animation der Icons aussieht, wenn Sie zum Beispiel eine Anwendung starten oder wenn eine laufende Anwendung um Aufmerksamkeit bittet. Auch die so genannte Exposé-Ansicht verändern Sie hier. Die erhalten Sie, wenn Sie [Super]+[W] drücken. Sie zeigt alle offenen Fenster in einer praktischen Übersicht an (Abbildung 7). Über den Eintrag Arbeitsfläche | Expo modifizieren Sie die Compiz-Einstellungen für das Exposé.

Abbildung 7

Abbildung 7: Über "Super+W" gelangen Sie in die Exposé-Ansicht, die sämtliche offenen Fenster eines Desktops präsentiert. Über einen Mausklick landen Sie im Fenster Ihrer Wahl.

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