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Ubuntu Ahoi!

UDS-O in Budapest

Auf dem Ubuntu Developer Summit legen Canonicals Entwickler gemeinsam mit der Community regelmäßig den Fahrplan für die nächste Ubuntu-Version fest. Wir waren dabei.

Ohne Frage ist Ubuntu anders: Keine funktionalen Universitätsräume, sondern ein Fünf-Sterne-Hotel in Budapest dient als Tagungsort für den Ubuntu Developer Summit. Marmorböden, flüsterleise Teppiche und hilfsbereites Hotelpersonal, das die Konferenzteilnehmer mit Erfrischungen und Essen versorgt. Nein, wie eine typische Linux-Konvention sieht das wirklich nicht aus.

Vom zentralen Eingangsbereich aus führt eine breite Treppe hoch in die zweite Etage. Eine vergoldete Statue erleuchtet den Weg nach oben, wo ein großes oranges Plakat deutlich macht: Dieser Bereich gehört Ubuntu. Dort begrüßen freundliche Helferinnen die Besucher an einem langen Empfangstisch, halten für Interessierte allerhand Sammelstücke bereit – Hefte, Aufkleber, Stifte usw. Die Organisation ist fantastisch. Die Architektur erinnert indes ein wenig an ein Schiff, wobei die Treppen zur Kommandobrücke führen.

Vor dem breiten Empfangstisch prallen die Entwicklerscharen aufeinander, wenn sie rechts und links aus den labyrinthischen Gängen strömen, um dann in entgegengesetzter Richtung zu verschwinden. Fernsehmonitore zeigen, wo die nächsten Sitzungen stattfinden. Der größte Saal aber ist der "Grand Ballroom". Enorme Kronleuchter, Bilder ungarischer Helden an den Wänden und verschnörkelte Stühle, die gut aus der k .u .k Ära stammen könnten (Abbildung 1).

Abbildung 1

Abbildung 1: Der "Grand Ballroom" ist das Zentrum der Konferenz. Hier stellt Mark Shuttleworth am ersten Tag seine Pläne für die weitere Ubuntu-Entwicklung vor.

Hier, auf der Kommandobrücke, brieft Kapitän Shuttleworth am ersten Tag des UDS seine Crew – und sorgt mit seiner Reiseroute für Erstaunen. In den nächsten vier Jahren will man bis zu 200 Millionen Benutzer gewinnen. Sicher: Es ist nicht ausgeschlossen, dass Ubuntu dieses ehrgeizige Ziel erreicht, wahrscheinlich ist es nicht. Für die Bemühungen, zum drittgrößten Player im Markt der Betriebssysteme zu werden (klammert man Android, Symbian und Co. mal aus), ist die Kulisse jedoch gut gewählt. Wie bei den Veranstaltungen von Apple und Microsoft bringt mittlerweile auch das Ubuntu-Projekt ein Corporate Branding mit, eine visuelle Inszenierung. Der Schriftzug "Ubuntu" – entworfen vom eigenen Designteam – prangt überall auf Plakaten. Ein eigenes Kamerateam filmt die Veranstaltung, im Hintergrund steht eine riesige Leinwand – wie ein Fricklertreffen wirkt das nicht. Soll es auch nicht. Der Begriff "Linux" fällt nur selten, denn er ist bei der potenziellen Zielgruppe eher negativ belegt.

Auch andere Mitspieler sind an Bord: Linaro – eine Firma, die Open-Source-Software für die ARM-Architektur entwickelt – schickt 150 Leute zum Event. Insgesamt wohnen dem UDS täglich zwischen 500 und 600 Leute bei. Rund 300 Canonical-Mitarbeiter, 50 gesponserte Community-Vertreter (plus einige, die den Trip privat finanzieren) sowie 150 Mitarbeiter von Linaro. Beide Kongresse laufen parallel ab – offensichtlich gehören Linaro und die ARM-Architektur zu den Prioritäten des Projekts. Und auch das wird im Laufe der Veranstaltung deutlich: Canonical pflegt inzwischen Beziehungen zu einer ganzen Reihe von Unternehmen, was dabei nützen könnte, Ubuntu zukünftig besser an die Hardware zu bringen.

Dabei hilft auch, dass viele Ex-Mitarbeiter von Canonical dem Ubuntu-Projekt verbunden bleiben. Beim Bier erzählt ein Entwickler, dass er mittlerweile bei einem großen Hoster arbeitet, ein anderer wechselt demnächst zu ARM. Anders als reguläre Arbeitnehmer bleiben sie dem Projekt erhalten, treffen die ehemaligen Mitstreiter auf dem UDS und arbeiten nebenher oft weiter als Debian- und Ubuntu-Entwickler. Matt Zimmermann, der scheidende CTO, bleibt ebenso im Technical Board des Projekts wie Upstart-Guru Scott James Remnant, der zu Google wechselt. Ubuntus Firmenkultur ist so gesehen recht einzigartig, denn die Crew besteht eben nicht nur aus angeheuerten Seemännern.

Die Konferenz läuft ab, wie in den Jahren zuvor. In den zahlreichen Räumen finden am laufenden Band die Sitzungen statt, in denen die Entwickler die Zukunft von Ubuntu planen, Ideen festhalten oder diese in den Wiki-basierten Blueprints niederschreiben. Diese dienen als Planungsinstrumente: Die Fortschritte beim Umsetzen einer Idee lassen sich später am zugehörigen Blueprint ablesen – werden alle Ideen Realität.

Die Entwickler tragen orangefarbene Schildchen um den Hals, auf denen ihr Name steht. Viele kennen sich nur aus Chaträumen oder von Mailinglisten. Sie eilen zwischen den Räumen hin und her, diskutieren in Gruppen miteinander oder fläzen mit ihren Laptops auf Sofas und Sesseln, um neue Software zu testen. Die Sitzungen beziehen auch die Außenwelt mit ein. Zwei Projektoren stehen in jedem Raum: einer wirft ein Bild von einem IRC-Channel auf die Leinwand, der andere zeigt eine Etherpad-Instanz (Abbildung 2). Zudem zeichnen Mikrofone die Wortbeiträge und Diskussionen auf. So steht man permanent in Kontakt mit der weltweiten Entwickler-Community. Die virtuellen Teilnehmer tippen ihre Fragen in den Chat, jemand aus dem Raum greift sie auf. Die Kollaborationsplattform Etherpad erlaubt es zudem, die in der Sitzung gesammelten Ideen gemeinsam auf einem elektronischen Dokument festzuhalten.

Abbildung 2

Abbildung 2: Eine typische Sitzung auf dem UDS: Im Hintergrund die Mikrofone und eine Leinwand, die den sitzungsbezogenen Chatraum anzeigt.

Mitunter tippen auch die Zuschauer aus dem Raum ihre Fragen in den Chat, so etwa bei der Fragestunde mit Mark Shuttleworth und dem Community-Manager Jono Bacon. Der recht kleine Raum platzt aus allen Nähten, und Mark ist bereit, "sich grillen zu lassen", wie er erklärt. Es folgen Fragen der Community. Fehlentscheidungen kommen auf den Tisch, etwa die um den Amazon-Shop in Banshee. Immer wieder geht es auch um Marks Rolle als SABDFL (Self-Appointed Benevolent Dictator for Life), als gutwilliger, selbsternannter Diktator auf Lebenszeit.

Die spannende Frage: Wie kann Ubuntu funktionieren, wenn sich die Interessen der Community, der Firma Canonical und der Privatperson Mark Shuttleworth überschneiden. Anders als Red Hat (Fedora/RHEL) und Novell (OpenSuse/SLES) will Shuttleworth die Sphären von Community und Firma nicht trennen, die Distribution nicht aufspalten. Für ihn besteht die Hauptschwierigkeit darin, der Community zu vermitteln, dass sich die kommerzielle Macht von Windows und Apple nur auf kommerziellem Wege brechen lässt. Schafft er dass, wird Ubuntu womöglich irgendwann profitabel, kann weitere Entwickler einstellen, wachsen und sich langfristig als alternatives Betriebssystem etablieren. Das Ziel Nummer 1 ist klar: Man will Microsoft Marktanteile abnehmen.

Tritt man abends aus dem Hotel ins Freie, ist man in einer anderen Welt. Keine Wikis, Teppiche, Beamer, stattdessen eine laute Hauptstraße, gesäumt von kleine Kneipen, 1-Euro-Läden und Sex Shops. Die Hotelpreise von 10 Euro pro Bier treiben einige Teilnehmer nach 18 Uhr in die nächste Kneipe drei Häuser weiter. Der Wirt hier macht das Geschäft seines Lebens, während die Entwickler den breiten Bürgersteig blockieren. Es geht hoch her, aber auch um die Arbeit. In den frühen Morgenstunden klappt der Wirt den Bürgersteig hoch. Nach und nach verschwinden auch die trinkfesten Entwickler in der luxuriösen Herberge. Schließlich geht's am nächsten Morgen wieder los – ist ja kein Vergnügen hier.

Glossar

IRC-Channel

steht für Internet Relay Chat, eine textbasierte Chat-Technologie, die es seit dem Ende der 80er Jahre gibt. Einige der Chaträume befassen sich thematisch mit Ubuntus Entwicklung.

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