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Moderne Care-Pakete

Gebrauchte Notebooks für Entwicklungsländer

Weltweit wandern jedes Jahr mehrere Millionen voll funktionstüchtige Notebooks auf den Müll. Zugleich müssen Kinder in einigen Ländern gänzlich ohne Computer auskommen. Das Labdoo-Projekt löst beide Probleme auf einen Streich.

Das Konzept klingt bestechend: Ausrangierte Laptops schickt das Labdoo-Projekt einfach an bedürftige Schulen in Entwicklungsländern – kostenlos und CO2-neutral. Jeder, der ein altes Notebook übrig hat, kann es bei einer Labdoo-Sammelstelle (Hub) abgeben. Freiwillige Helfer installieren ein aktuelles Ubuntu nebst freier Lernsoftware und machen das Notebook reisefertig. Sobald ein Helfer in ein unterstütztes Hilfsgebiet fliegt oder fährt, nimmt er eines oder mehrere Notebooks in seinem Reisegepäck mit (Abbildung 1). Die Notebooks sollen in erster Linie die Ausbildung von armen Kindern und Jugendlichen fördern, Empfänger sind daher vorwiegend Schulen, Bildungseinrichtungen und Waisenhäuser.

Abbildung 1

Abbildung 1: Das Labdoo-Konzept: Hubs sammeln die Notebooks ein und arbeiten sie auf. Freiwillige bringen sie an den Zielort. (Bild: Labdoo-Projekt)

Notebook-Voraussetzungen

Notebooks sind für das Labdoo-Projekt und ihre Empfänger nur dann brauchbar, wenn sie folgende Anforderungen erfüllen:

  • Prozessor der Klasse Pentium 4 oder besser (gebaut ab ca. November 2000)
  • Hauptspeicher mindestens 256 MByte, besser 512 MByte
  • Festplatte mindestens 20 GByte
  • Ladegerät muss beiliegen
  • das Notebook muss funktionieren
  • alle Daten sollten gelöscht sein

Desktop-PCs kommen derzeit nicht infrage, da sie nur schlecht ins Reisegepäck passen.

Labdoo verzichtet dabei auf eine Trägerorganisation. Planen Sie eine Reise, nehmen Sie einfach ein Notebook mit. Ob man es glauben mag oder nicht: Der pragmatische Ansatz funktioniert. Seit Studierende an der University of California (UCI) das Projekt 2010 starteten, erreichten knapp 150 Notebooks ihren neuen Einsatzort (Abbildung 2).

Abbildung 2

Abbildung 2: Die Notebooks sind vor allem für Schulen gedacht. Dieses Bild aus dem Jahr 2011 zeigt eine unterstützte Schule in Nigeria. (Bild: Labdoo-Projekt)

Dreh- und Angelpunkt ist die Labdoo-Webseite [1]. Wer ein Notebook abgeben möchte, trägt ihn dort in die Datenbank ein. Analog melden Institutionen aus Entwicklungsländern ihren Bedarf an. Reist ein Labdoo-Helfer (zufällig) dorthin, holt er beim nächstgelegenen Hub ein Notebook ab und aktualisiert den Status des Geräts auf der Webseite. So kann jeder die Wege nachverfolgen. Absprachen zwischen den Helfern erfolgen meist über soziale Netzwerke, wie Facebook oder Xing (siehe Kasten "Abgabestellen und Kontaktadressen").

Verteilerkasten

Hinter den Hubs stecken besonders aktive Mitglieder, die abgegebene Notebooks in ihrem Keller zwischenlagern und für den Versand aufbereiten. Das erste deutsche Hub gründete Ralf Hamm 2012 in Mülheim. Im März diesen Jahres kam ein Hub in Berlin dazu, zwei Hubs sind in Aachen und Franken angedacht. Schweizer finden ein Hub in Zürich. Im Sinne der Labdoo-Philosophie kann jeder spontan einen Hub gründen.

Die Betreiber der Hubs löschen die Festplatte mit einem sicheren, vom amerikanischen Verteidigungsministerium propagierten, Verfahren und spielen dann ein aktuelles Ubuntu darauf. Die Entscheidung für die Distribution fiel noch vor der Einführung von Unity, dessen Einsatz im Labdoo-Projekt umstritten ist, wie Ralf Hamm einräumt. Die einheitliche Ubuntu-Basis erleichtere aber die Fernwartung, die Labdoo mittelfristig anbieten möchte.

Das aufgespielte Ubuntu ergänzen die Labdoo-Helfer noch um das Edubuntu-Paket sowie die Sprachpakete für den Bestimmungsort. Um fehlende Internetanschlüsse ein wenig zu kompensieren, kommt noch die Offline-Variante der Wikipedia (Selection for schools) dazu. Sie umfasst etwa 5500 für Kinder geeignete Artikel der englischsprachigen Wikipedia aus den Jahren 2008/2009. Diese Zusammenstellung der Hilfsorganisation SOS Children UK bezeichnet das Labdoo-Projekt als "Wikidoo". Die Reise eines Notebooks heißt hier "Dootrip", ein mit Labdoo-Notebooks versorgter Ort "EdooVillage".

In Deutschland unterstützt die AfB [2] (Arbeit für Menschen mit Behinderungen gGmbH) die Labdoo-Hubs. Die gemeinnützige Gesellschaft sammelt in Unternehmen ausgemusterte Computer ein, arbeitet diese auf und verkauft sie für kleines Geld. Die Erlöse kommen den fast ausschließlich behinderten Angestellten zugute – und seit Anfang 2012 auch Labdoo. Die AfB-Filialen nehmen Notebooks von Spendern entgegen, löschen die Festplatten, stellen mitunter sogar kostenlos Laptops für das Labdoo-Projekt bereit und reparieren kleine Defekte an abgegebenen Geräten. Natürlich nehmen die AfB-Mitarbeiter die Laptops auch auf eigenen Reisen mit (siehe auch Titelbild v.l.n.r.: Dirk Fißmer (Pressesprecher AfB), Ralf Hamm (Hub Mülheim an der Ruhr), Daniel Büchle (Geschäftsführer AfB)).

Flugangst

Dank des so ungewöhnlichen wie genialen Gesamtkonzepts benötigt das Projekt keine Geldspenden oder finanziellen Mittel. Interessenten müssen nicht Mitglied in einem Verein werden oder regelmäßig mitmachen. Wer gerade Zeit und Lust hat, packt mit an. Dieser Vorteil ist aber zugleich ein Nachteil: Fehlen Helfer, stocken die Hilfslieferungen. "Unser größtes Problem ist der Transport zum Ziel", erklärt Ralf Hamm. Gespräche mit Fluggesellschaften oder der DHL, die Labdoo-Notebooks einfach mitnehmen könnten, verliefen bislang ergebnislos. Vor dem Zoll sollten Interessenten übrigens keine Angst haben. "In der Regel gelangen die Notebooks problemlos durch die Kontrollen", beruhigt Ralf Hamm.

Die engagiertesten Helfer nützen nichts, wenn die Notebooks am Zielort in undurchsichtigen Kanälen verschwinden oder – schlimmer noch – Kinder sie in lukrativen Elektroschrott zerlegen. Labdoo verhindert dies primär durch persönliche Kontakte. Oft kennt ein deutscher Helfer jemanden von der anfragenden Schule oder aus dem Hilfsprojekt. Die Empfänger dokumentieren den Einsatz der Notebooks zudem mit Fotos, die in einer öffentlichen Galerie auf Picasa landen [3]. Die Schüler veröffentlichen zudem einige Arbeitsergebnisse unter http://wiki-kids.org. Abschließend betreuen Labdoo-Helfer sowie die Techniker der Hilfsorganisation Ingenieure ohne Grenzen [4] die Geräte vor Ort, schulen die Kinder und errichten die notwendige Infrastruktur. Defekte Notebooks gelangen mit einem freiwilligen Labdoo-Helfer zurück in die EU, die USA, aber auch Taiwan, wo zertifizierte Betriebe sie fachgerecht entsorgen.

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