Schlanker, schöner, lauter!

Musikproduktion mit EnergyXT

Haste Töne?

Doch EnergyXT liefert auch eigene Instrumente für die unabhängige Musikproduktion mit. Hier wäre zunächst einmal ein übersichtlich gestalteter Drum-Computer (Abbildung 3) zu nennen, der ein Raster mit einer Auflösung von bis zu 128 Schritten pro Takt anbietet. Neue Schlagzeug-Samples richten Sie per Drag & Drop aus dem Browser ein.

Mindestens ebenso willkommen ist der On-Board-Synthesizer und Sample Player (Abbildung 4), der zur poly- beziehungsweise monophonen Klangerzeugung auf die Phasenmodulation zurückgreift und je vier LFOs und Envelopes zur Bearbeitung bereithält. Einen erstellten Klang veredeln Sie mit einem unabhängigen Chorus (Chor), Delay (Verzögerung) oder Reverb (Nachhall) und verfremden Sie mit einem Phaser (Verzögerungseffekt). Weiterhin können Sie Sounds auf der Tastatur eines angeschlossenen MIDI-Keyboards splitten beziehungsweise übereinander schichten. XT Software hat seinen Synth mit 32 Presets ausgerüstet, 43 weitere Werksklänge warten im Browserfenster.

Abbildung 3

Abbildung 3: Sehr übersichtlich gehalten ist auch der interne Drum-Computer, der mit einer hohen Auflösung arbeitet und den Sie per Drag& Drop um neue Klänge erweitert.

Abbildung 4

Abbildung 4: Wer sich näher mit dem integrierten Phase-Modulation-Synthesizer auseinander, lernen Sie ein zuverlässiges Instrument für alle Standardaufgaben kennen.

Wirkt der Synthesizer auf den ersten Blick vielleicht etwas unscheinbar, überzeugt er doch mit einem insgesamt satten Klang, knackigen Bässen, schneidenden Effekten sowie brauchbaren Flächen. Mit dem hauseigenen Arpeggiator, der auf jeder MIDI-Spur zu Hause ist, erweitert sich sein Einsatzbereich nochmals.

Doch auch die beste interne Instrumenten- und Effektausrüstung kommt irgendwann an ihre Grenzen, weshalb EnergyXT die Funktionserweiterung durch eine VST-Schnittstelle vorsieht, die Anwendern das Nachladen von Audio-Plug-ins eröffnet. EnergyXT erwies sich in unserem Test als zuverlässiger Host für Linux-kompatible VST-Erweiterungen; zwar ist deren Auswahl weitaus geringer als auf Mac- und Windows-Plattformen, trotzdem bessern einige Perlen jede Audioanwendung signifikant auf. Sie ziehen die Plug-ins dabei per Drag&Drop aus dem Browserfenster – einfacher geht es kaum. Das Linux-eigene LADSPA- beziehungsweise DSSI-Plug-in-Format unterstützt EnergyXT indes nicht, weshalb auch entsprechende Wrapper-Software, die einige für Windows kompilierte VSTs unter Linux lauffähig macht, nicht funktioniert.

Fazit

Es überrascht immer wieder, wie Jørgen Aase einen großen und zum Teil komplexen Funktionsumfang unter einer denkbar intuitiven Oberfläche unterbringt, ohne das Programm merklich aufzublähen oder zu verschlechtern. In dieser Beziehung zeigt EnergyXT exemplarischen Charakter. Die Software rückt die Konzentration auf die Kunst des Musikmachens wieder in den Mittelpunkt und erweist sich als Schweizer Taschenmesser für schnelle Skizzen wie auch für umfangreiche Projekte. Klanglich bewegt sich die verwendete 32-Bit-Audioengine inklusive Pitch Shifting, die aus dem deutschen Hause Zplane stammt, sowieso auf höchstem Niveau.

Zu bemängeln ist die zum Teil unorthodoxe Integration unter Linux. Hier und da müssen Sie ein Arbeitsfenster nachskalieren, damit es alle Einstellungsparameter korrekt darstellt. Auch das manuelle Kompilieren des JACK-Clients ist für viele Musiker eine Zumutung – hier wären ein automatischer Installer oder der gänzliche Verzicht auf JACK schön. Trotz dieser kleinen Zickigkeiten weiß EnergyXT nachhaltig zu überzeugen und nimmt den Thron der intuitivsten und schnellsten Audiosuite für Linux wortwörtlich im Sturm.

EnergyXT kostenlos ausprobieren

EnergyXT steht in einer abgespeckten, aber kostenfreien "Core"-Version auf der Webseite von XT Software bereit. Zwar sind einige Funktionen im Vergleich zur Vollversion 2.6 gesperrt, trotzdem vermittelt diese Testvariante einen guten Einblick in die Arbeit mit dem Programm und lässt sogar das Speichern der eigenen Werke zu. Aber auch sonst schont EnergyXT den Geldbeutel: 59 Euro für die Komplettvariante sind fast als Schnäppchen zu bezeichnen.

EnergyXT als JACK-Client

Für möglichst geringe Latenzzeiten und die Echtzeitwiedergabe von Audiodateien während der Aufnahme müssen Sie EnergyXT als JACK-Client einrichten. Dazu installieren Sie zunächst die folgenden Pakete: build-essential jack libjack-dev libasound2-dev g++. Im nächsten Schritt laden Sie neben dem EnergyXT-Client die Datei jack.cpp von der Webseite [6] herunter. Haben Sie alle Elemente zusammen, kompilieren Sie das Client-Modul mit der Anweisung:

g++ -shared -lasound -ljack /Pfad/zu/jack.cpp -o /Pfad/zu/EnergyXT2/libaam.so

Nun sollte in den Voreinstellungen (File | Setup | Audio) die Option Jack Audio als Device auswählbar sein.

Fünf Alternativen zu EnergyXT

1. Ardour [7] ist eine komplette Audio-Workstation für Linux-Systeme, die auch Bestandteil des Ubuntu-Studio-Pakets ist. Zwar ist das Programm nicht so einfach zu bedienen wie EnergyXT, dafür bietet es einen Funktionsumfang, der auf Arbeitssituationen in professionellen Studios zugeschnitten ist.

2. Renoise [8] ist einer der besten plattformübergreifenden Audiotracker, die es gibt. Zwar ist der Zugang nicht ganz so intuitiv wie bei einem Sequenzer, dafür sind der Funktionsumfang sowie die optische Umsetzung atemberaubend.

3. Bitwig Studio [9] ist eine Echtzeit-Musiksoftware, die ähnlich wie Ableton Live eine Session- und Arrangement-Ansicht bietet und den Berliner Primus in jeder Hinsicht noch zu überflügeln verspricht. Derzeit läuft eine geschlossene Betaphase.

4. Rosegarden [10] ist nicht nur ein voll ausgestatteter Audio-Sequenzer, sondern liefert auch Werkzeuge zur Notation mit.

5. Das Linux MultiMedia Studio [11] orientiert sich an Vorbildern wie FL Studio und kommt erstaunlich komplett daher.

Glossar

JACK Audio Connection Kit

ist ein Dienst für Linux-Systeme, der es erlaubt, die Audioeingaben und -ausgaben von Audiosoftware und -hardware fast beliebig miteinander zu verknüpfen. Dazu kann JACK einen Kernel mit Echtzeit-Patch verwenden.

MIDI

diese digitale Schnittstelle für Instrumente (Musical Instrument Digital Interface) ist ein Protokoll, das es ermöglicht, Instrumente über spezielle MIDI-Anschlüsse direkt an einen Rechner zu stöpseln.

VST-Plug-ins

Die Virtual Studio Technology (kurz VST) ist eine von Cubase-Erfinder Steinberg entwickelte Schnittstelle für Audiosoftware. VST ermöglicht den Dialog zwischen einem VST-Host und virtuellen Instrumenten (VSTi) beziehungsweise Effekten, die sich dadurch innerhalb eines Sequenzer-Programms als Plug-ins betreiben lassen.

Overdubs

Bei vielen Musikstücken werden die beteiligten Instrumente heute nicht mehr live und in Echtzeit, sondern nacheinander aufgezeichnet. Das nennt man Overdub.

LFOs

ein Low Frequency Oscillator erzeugt eine niederfrequente Wellenform und beeinflusst so die Klangfarbe.

Envelopes

regeln die Intensität des Sounds, der dadurch ausdrucksstark und dynamisch wird.

Arpeggiator

zerlegt einen Akkord in einzelne, aufeinander folgende Töne.

Infos

  1. Auf SoundCloud gibt es eine Gruppe, in der Sie nur mit EnergyXT erstellte Stücke finden: http://soundcloud.com/groups/made-in-Energyxt
  2. XT Software: http://www.Energy-xt.com/
  3. EnergyXT auf 64-Bit-Rechnern: http://www.timelordz.com/blog/tag/energyxt/
  4. JACK : http://jackaudio.org/
  5. Ubuntu Studio: http://ubuntustudio.org/
  6. Datei "jack.cpp" zum Download: http://www.energy-xt.com/download/jack.cpp
  7. Ardour Digital Audio Workstation: http://ardour.org/
  8. Renoise: http://www.renoise.com/
  9. Bitwig Studio: http://www.bitwig.com/
  10. Rosegarden: http://www.rosegardenmusic.com/
  11. LMMS: http://lmms.sourceforge.net/

Der Autor

Thomas L. Raukamp produziert seit den späten 1980er Jahren elektronische Musik und war Mitbegründer und Chefredakteur des Recording-Magazins Beat. Sein aktuelles Album ist auf Bandcamp zu finden: http://clearnotice.bandcamp.com/album/ologie-project

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