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Die Gnome-Vandalen

Editorial

Editorial im Ubuntu User 04/2012.

Ich hatte noch nie ein ernstes Problem mit Gnome, das ich seit Version 1.0 verwenden – im Wechsel mit KDE. Als Linux-Gründer Linus Torvalds die Entwickler 2005 als "Interface-Nazis" beschimpfte, wusste ich zwar, was Torvalds meinte, konnte über seine Erregung aber nur mit den Schultern zucken.

Am Ende stellte sich der ganze Flame War ohnehin als Missverständnis heraus. Jörg Luther, Chefredakteur des LinuxUser, schrieb damals in einem Kommentar [1]: "[?] Wie das bei den meisten Flame Wars der Fall ist, hat [er] sich [...] offensichtlich aus einem Missverständnis heraus entwickelt: Wie etliche Folge-Postings [...] zeigen, resultiert [das vermisste Feature][...] aus mangelnder Manpower für die Implementierung." Hier lag Torvalds also schlicht falsch, und das Ganze war ein Missverständnis.

Mittlerweile haben wir 2012 und wieder geraten Torvalds und die Gnome-Entwickler aneinander. In einem Google+-Eintrag schrieb der Kernel-Papa: "Ich habe mich damals aufgeregt, als die Gnome-Entwickler es für 'zu kompliziert' hielten, den Anwender seine Maustasten anders belegen zu lassen. Für Gnome 3 haben die Entwickler offenbar beschlossen, dass es auch 'zu kompliziert' ist, echte Arbeit mit dem Desktop zu erledigen." Diesmal muss ich dem Mann leider zustimmen. Er hat recht, und ich habe Beweise.

Beweisstück A: Das Tool für Bildschirmfotos. Das zeigt Ihnen beim Speichern neuerdings nicht mehr den Ordner, in dem Sie Ihr letztes Bildschirmfoto abgelegt haben, sondern stets denselben Standardordner – und das nach jedem neuen Screenshot wieder! Das ist kein Bug oder "Mangel an Manpower": Einige Gnome-Entwickler halten das ernsthaft für die beste Lösung. Zitat [2]: "Ich mag das neue Verhalten. Das Screenshot-Tool minimal zu halten, fühlt sich richtig an – es ist zwar in das System eingebaut, aber keine Kernfunktion."

Beweisstück B: Die Split-Ansicht in Nautilus. Drücken Sie [F3], teilt sich die grafische Oberfläche des Dateimanagers und Sie schieben Dateien bequem zwischen zwei Verzeichnissen hin und her. Der andere Ordner darf dabei auch ein entfernter Ordner sein, den Sie über FTP oder SSH erreichen. Es gibt zahlreiche [3] Fans [4] dieses [5] Features [6]! Doch die werden bei der Entscheidung, das Feature aus Nautilus zu entfernen, ebenso ignoriert, wie der Entwickler selbst [7].

Sind die alle verrückt geworden, darf man sich fragen. Zum Glück nicht alle: Nachdem einige Gnome-Entwickler munter weiter Features entfernten, meldete sich Federico Mena Quintero auf der Mailingliste zu Wort, seines Zeichens mexikanischer Programmierer und Gründer von Gnome [8] und erklärte: "Entschuldigt, wenn ich so offen bin, aber intakte Features zu entfernen, ohne wirklich zu erklären, warum diese schlecht sind, ist schlicht Vandalismus." Besser könnte ich es auch nicht ausdrücken – hoffentlich drückt dort mal jemand auf den Zurück-Button.

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