AA_cooke2.jpg

"Fernsehen ist harte Arbeit"

Interview mit Will Cooke

Will Cooke ist leitender Ingenieur des Ubuntu-TV-Projekts und erläutert in unserem Interview, welche Ziele Ubuntu TV verfolgt und wie sich das Projekt zu den Konkurrenten Google und Apple positionieren will.

Ubuntu User: Was für ein Konzept steckt – ganz allgemein – hinter Ubuntu TV?

Will Cooke: Fernzusehen ist heutzutage harte Arbeit. Hunderte Kanäle und endlose Wiederholungen machen es anstrengend, sehenswerte Sendungen aufzufinden. Mit Ubuntus Erfahrungen in puncto Design und Usability wollen wir das TV-Erlebnis für alle Menschen sehr viel einfacher gestalten. Wir wollen die Medien aus verschiedenen Quellen unter einer einzigen Benutzeroberfläche vereinen. Der Anwender muss dann nicht mehr zwischen diversen Eingabequellen umschalten oder mit mehreren Fernbedienungen jonglieren, sondern erreicht alle verfügbaren Inhalte über ein schnelles und flüssiges Interface. Um die Medien zu durchsuchen, tippt man einen Suchbegriff in eine Eingabezeile. Will man das Medium wechseln, beendet man nicht die aktuelle Anwendung und durchforstet mehrere Bildschirme, um die gesuchte App zu finden – sie befindet sich direkt auf dem Bildschirm vor einem.

Wir glauben zudem, dass der TV-Bildschirm nicht der geeignete Platz ist, um im Netz zu surfen – ebensowenig würde man ja auf dem Fernseher ein Textdokument bearbeiten. Der Bildschirm ist ein "geteilter" Schirm, auf dem mehrere Menschen etwas zur selben Zeit ansehen. Die Familie will einem nicht beim Beantworten der E-Mails oder beim Browsen im Web zuschauen – sie will einfach Harry Potter schauen.

Wir glauben fest an die "Second-Screen"-Philosophie: Informationen zu den Inhalten auf dem "geteilten" Schirm ruft ein Anwender am besten über separate Geräte wie Smartphones und Tablets ab. Wir werden eine einfach zu verwendende API für die Anwendungsentwickler aller Plattformen anbieten, um Informationen vom TV-Gerät direkt auf das eigene Gerät zu holen. Das ermöglicht individuelle Eindrücke, ohne den Rest der Zuschauergruppe zu stören.

UU: Das klingt also, als werde es Ubuntu TV nicht erlauben, einen Webbrowser oder einen E-Mail-Client auf dem "geteilten" Bildschirm zu nutzen?

Will Cooke: Die Benutzeroberfläche eines Fernsehers taugt nicht wirklich als "Arbeitsumgebung". Wir erwarten eher Apps, die Social-Media-Dienste integrieren und vielleicht schreibt auch jemand eine Web-Browser-App. Ich denke aber tatsächlich, dass die Menschen solche Aufgaben einfacher auf anderen Geräten erledigen.

UU: Es gibt mittlerweile ein paar Geräte auf dem Markt, die Google TV unterstützen. Wann werden wir erste Geräte mit vorinstalliertem Ubuntu TV sehen?

Will Cooke: Der Release-Zeitpunkt für Ubuntu TV hängt stark von den Herstellern ab, mit denen wir arbeiten. Ubuntu TV hat sich seit der ersten Version, die wir vor einiger Zeit auf der CES zeigten, weiterentwickelt. Die Entwicklung von Ubuntu TV schreitet voran, aber die Hardwarehersteller setzen bestimmte Prioritäten und haben eigene Vorstellungen darüber, welche Features sie für ihre "Version 1.0" benötigen. Für einige Hersteller sind Live-TV und DVR (Digital Video Recorder) ein Muss, andere brauchen das überhaupt nicht. Man kann sich sicher vorstellen, dass Bereiche wie Live-TV eine Menge Arbeit erfordern, weil man hier vor dem Start eines Produkts industriellen Zertifizierungsverfahren folgen und Tests erfolgreich absolvieren muss.

UU: Plant Ihr, bereits existierende Open-Source-Lösungen zu verwenden? Welche Lösungen würden das sein?

Will Cooke: Es gibt eine Menge großartiger Open-Source-Projekte, die sich im Bereich Media Center und Medienkonsum bewegen sowie eine Fülle von Back-ends, die auch nützlich für Ubuntu TV wären. Zuallererst orientieren wir uns beim Entwickeln der Software an der Benutzeroberfläche von Ubuntu und wollen diese auf dem Fernseher einsetzen. Ubuntus Benutzeroberfläche wurde entworfen, um auf vielen verschiedenen Gerätetypen zu laufen und soll zugleich auch für wenig technikaffine Menschen einfach zu bedienen sein.

Gerade TV-Geräte sind ein großartiges Beispiel dafür, wie Leute über Benutzeroberflächen mit neuen Technologien interagieren, ohne unbedingt technisches Hintergrundwissen mitzubringen. Für den Einsatz unter der Haube begutachten wir Tools wie den DLNA-Server Rygel sowie zahlreiche der Bibliotheken, die bereits auf dem Ubuntu-Desktop bzw. zusammen in der ARM-Version von Ubuntu zum Einsatz kommen.

UU: Worin liegen Deiner Meinung nach die Vorteile, Open-Source-Software für Ubuntu TV zu verwenden. Wie wird sich Ubuntu TV – soweit Du das beurteilen kannst – von den direkten Mitwettbewerbern Google TV oder Apple TV unterscheiden?

Will Cooke: Open-Source-Software zu bauen und zu benutzen ist ein großartiges Mittel, um eine große Menge an Entwicklern und technischen Anwendern zu erreichen, die so Gelegenheit erhalten, ihre Ideen und Fähigkeiten in einem marktreifen Produkt zu verwirklichen: Zum Beispiel haben wir eine Menge Anwendungsfälle für Ubuntu TV aus der Community gesammelt. Die Leute haben uns erzählt, wie sie einen Fernseher in einer perfekten Welt gern benutzen würden und wir können nun mit ihnen zusammenarbeiten, um einige dieser Ideen in die Realität umzusetzen.

Es gibt noch weitere Mitbewerber auf dem Markt. Apple ist keine offene Plattform, daher ist es unwahrscheinlich, dass man Apple-Geräte woanders als bei Apple kaufen können wird. Google TV ist für Gerätehersteller zugänglicher, bietet aber ein ganz anderes Nutzererlebnis an als Ubuntu TV: Wir möchten ein wirklich entspanntes "Zurücklehn-Fernsehen" ermöglichen. TV-Benutzeroberflächen, die man Leanback Interface oder 10' UIs nennt, erlauben es dem Zuschauer, sich vor dem Fernsehschirm zurück zu lehnen und trotzdem die Benutzeroberfläche zu bedienen. Ubuntu TV wurde auf dieses Ziel hin optimiert: Die Zuschauer sollen in der Lage sein, sich zu entspannen, anstatt durch hunderte von Apps zu navigieren, um die gewünschte Sendung aufzuspüren.

UU: Wird es möglich sein, Live-TV-Programme zu programmieren und aufzunehmen und die resultierenden Dateien, wenn nötig, auf andere Festplatten zu kopieren?

Will Cooke: Das Aufnehmen von Live-TV wird ein Kernpunkt von Ubuntu TV sein. Das Kopieren der Aufnahmen auf eine andere Festplatte kann potenziell ein komplizierter Prozess sei. Nicht aus technischen Gründen, sondern eher aufgrund der rechtlichen Anforderungen für Dinge wie DRM-verschlüsselte Dateien und die durch TV-Netzwerke gesetzten Restriktionen.

UU: Ich mag es, wie XBMC aufgezeichnete Inhalte (Serien, Filme) mit Artwork verknüpft. Wird es Ubuntu TV erlauben, Aufnahmen visuell ansprechend zu organisieren?

Will Cooke: Ja. In den bereits existierenden Demos navigiert der Benutzer mit Hilfe von Cover-Art durch die Liste der Filme. Ubuntu TV wird das Generieren von Vorschau- und Titelbildern unterstützen.

UU: Wird Ubuntu TV eine Lösung mitbringen, um Inhalte von externen Laufwerken wie USB-Sticks und Festplatten einzubinden?

Will Cooke: Ubuntu TV erlaubt es, die Inhalte von ansteckbaren Festplatten auf dem Bildschirm erscheinen zu lassen. Die Anwender browsen dann auf dieselbe Weise durch die angezeigten Inhalte eines USB-Sticks wie durch die der fest angeschlossenen Festplatte.

Glossar

10' UIs

"10-foot User Interface" nennt man eine vom Computer erzeugte grafische Oberfläche, die auf einem Fernsehschirm läuft und sich per Fernbedienung steuern lässt [1].

Leanback Interface

eine YouTube-Oberfläche, welche die Webseite für große Bildschirme aufbereitet. Es genügt, eine spezielle URL aufzurufen, um das Interface zu verwenden [2] – das klappt auf jedem Rechner.

Einem Freund empfehlen