Interview mit Ubuntus Mäzen

Mark Shuttleworth über den Music Store, die Gnome Shell und Ubuntu auf Tablets

16.06.2010

Auf dem Linuxtag hatten wir Gelegenheit, mit Ubuntus Initiator Mark Shuttleworth zu reden. Er erzählte, wie es dem neuen Music Store geht, ob Ubuntu auf Tablets läuft und warum es Streit um die Gnome Shell gibt.

Mark Shuttleworth im Interview mit Ubuntu User

Mark Shuttleworth, Ubuntu User, Linuxtag 2010

Ubuntu User: Es gibt im neuen Ubuntu einige kommerzielle Dienste, darunter den Music Store. Wie läuft es mit dem bisher?

Mark Shuttleworth: Ziemlich cool. Es gibt ihn in einigen Ländern. Es wird etwas Arbeit nötig werden, um ihn in allen Ländern erreichbar zu machen, aber wir arbeiten daran, ihn auch in weiteren Ländern zu integrieren. Ich denke, er läuft ziemlich gut. Wir bieten die aktuellen Stars und Alben an, die man direkt auf die Festplatte lädt und dann mit weiteren Geräten tauscht. Läuft Ubuntu auf mehreren Geräten, kann man von allen auf die Musik zugreifen.

UU: Gibt es Statistiken darüber, wie viele Songs bis jetzt heruntergeladen wurden?

MS: Soweit ich weiß, geht die Zahl in die Zehntausende. Aber ich kenne keine Detail. Der Shop ist sehr populär, weil es kein DRM gibt und MP3s in hoher Qualität.

Mark Shuttleworth im Interview mit Ubuntu User

Mark Shuttleworth, Ubuntu User, Linuxtag 2010

UU: Wie viele Jahre würdest Du noch für Ubuntu zahlen, Du sponserst es ja momentan?

MS: Das tue ich. Finanziell unterstütze ich es aus verschiedenen Gründen, unter anderem als Investment. Mit der Zeit werden wir Canonical profitabel machen und zwar da, wo es profitabel sein kann. Einige Dinge, die wir tun, rentieren sich, andere nicht. Wir versuchen schneller zu wachsen, als wir es natürlicherweise tun würden, weil ich denke, es ist eine einzigartige Zeit, die wir nutzen müssen. Ich denke, wenn wir uns schneller bewegen müssen, um Canonical profitabel zu machen, können wir das tun.

Ich unterstütze Ubuntu aber auch, weil es ein wunderschöner Ausdruck dessen ist, was Menschen, die ich schätze und die Community möglich machen. Es ist zudem enorm wertvoll für die Menschen da draußen und mir fällt kein besserer Weg ein, um der Welt etwas von Wert zu geben. Es motiviert mich sehr stark.

UU: Ubuntu arbeitet in einer schlanken Version mittlerweile auch auf Tablets...

MS: Nein, tut mir Leid, da wurden wir falsch zitiert. Wir arbeiten nicht an einer Tablet-Version, aber Ubuntu wird auf Tablets eingesetzt, der Kern von Ubuntu.

Mark Shuttleworth im Interview mit Ubuntu User

Mark Shuttleworth, Ubuntu User, Linuxtag 2010

UU: Also wird es nicht offiziell unterstützt?

MS: Nein, es ist keine Tablet-Version in Arbeit oder ähnliches. Unser Fokus liegt auf Netbooks und auf Dualboot-Rechnern.

UU: Wie steht es um Handhelds?

MS: Auch für Handhelds gibt es keine Ubuntu-Version, aber einige Leute verwenden den Kernel und die Kerntechnologie von Ubuntu, um Handhelds und einer Menge anderer Geräten zu betreiben. Wir arbeiten mit ARM und Intel zusammen. Mit ARM betreiben wir das Linaro-Projekt, um Linux auf der ARM-Architektur zu vereinheitlichen. Und zusammen mit ihnen sorgen wir dafür, dass sämtliche Standardversionen von Ubuntu auf allen ARM-Geräten laufen. Und das sind, glaube ich, viele Geräte -- Tablets und noch andere Geräte gehören womöglich auch dazu.

UU: Es gibt das MeeGo-Projekt, von dem Ihr vermutlich schon gehört habt, eine Kooperation zwischen Intel und Nokia. Betrachtest Du das Projekt als Konkurrenz für Ubuntu?

MS: Ja und nein. Bis zu einem gewissen Grad konkurrieren wir mit jedem und die ganze Zeit. Aber wir arbeiten auch mit allen zusammen. Ich bin erfreut, dass Intel und Nokia MeeGo entwickeln und dass sie Linux gegenüber Windows oder einer anderen Umgebung vorziehen. Ich denke, eine Menge ihrer Arbeit wird relevant für uns werden, und eine Menge unserer Arbeit ist relevant für sie.

Mark Shuttleworth im Interview mit Ubuntu User

Mark Shuttleworth, Ubuntu User, Linuxtag 2010

Und was die Konkurrenz angeht: Unsere Zielgruppe sind vor allem die Desktop-Anwender. Ich denke MeeGo richtet sich an andere Zielgruppen und Märkte. Momentan ist meine Position, dass es fantastisch ist, dass sie es tun. Wir haben eine Moblin-Variante von Ubuntu, die wir für Dell gemacht haben, aber wir machen kein MeeGo für Ubuntu.

UU: Wo wird der Desktop in fünf Jahren sein?

MS: Überall, hoffe ich.

UU: Der klassische Desktop?

MS: Windows wirkt zunehmend verwundbar. Es gibt keinen wirklichen Grund mehr, Windows zu verwenden, wenn man ins Netz oder mit einem Gerät verbunden werden will. Das meiste, was man heute mit einem PC tun will, kann man mit Linux erledigen. Mein Ziel bleibt es aber, freie Software auch in einer durchschnittlichen Arbeitsumgebung zu verbreiten, nicht nur in Rechenzentren und hinter den Kulissen, sondern so, dass Leute stolz Ubuntu benutzen.

UU: Plant Ihr, ein Ubuntu-Gerät auf den Markt zu bringen, wie Apples iPad?

MS: Dafür gibt es keine Pläne. Aber wir haben großartige Beziehungen zu den Hardware-Herstellern, sie sind Spezialisten in dem, was sie tun.

UU: Es gab eine Diskussion nach Deinem Vortrag auf dem LinuxTag über Entscheidungen die Ihr getroffen habt und solche, die das Gnome-Projekt getroffen hat. Wir geht Ihr in der Community mit solchen Konflikten zwischen der Ubuntu und anderen Projekten, Upstream-Projekten, um.

MS: Ich denke, der einzige wirkliche Streitpunkt besteht nicht zwischen Canonical und dem Gnome-Projekt als Ganzem. Es geht tatsächlich um einige Entwickler der Gnome-Shell, die verärgert darüber sind, dass wir an Unity arbeiten. Aber wir arbeiten bereits jahrelang an Netbook-Oberflächen, deutlich bevor die Gnome Shell auf den Plan trat. Es handelt sich also absolut um eine Fortsetzung dieser Arbeit. Es ist verkehrt von ihnen, sich jetzt über uns aufzuregen.

Wir haben versucht, alles auf eine Weise umzusetzen, die Gnome akzeptiert. Und wir haben auch eine Menge von Sachen vorgeschlagen, damit Gnome sie übernimmt. Und eine Menge Gnome-Anwendungen tun das auch, sie verwenden die Vorschläge und unterstützen sie. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass die Leute so etwas mitunter persönlich nehmen. Und ich denke, einige der Gnome-Shell-Entwickler nehmen es persönlich.

Ich bin sicher, dass das vorbei geht und dass wir darüber hinweg kommen. Sie sind gute Leute, wir sind gute Leute und alles wird gut. Da mache ich mir keine Sorgen. Es gibt genügend Platz im Gnome-Projekt für ein Netbook-Interface und die Gnome Shell.

( Kristian Kißling)